Mai 2019.
Ich sitze alleine in meinem leergeräumten Schlafzimmer, lediglich eine Matraze auf dem Boden erinnert noch an die Wohnung, die ich zusammen mit meinem Ex-Partner nur wenige Monate zuvor frisch bezogen hatte. Ich starre auf die in Großbuchstaben geschriebene Aufschrift des Kuverts in meiner rechten Hand: „HOCHSCHULE STRALSUND“.
Nach meiner Rückkehr von der Weltreise und dem unendlichen Wunsch, einen großen Bogen um meinem früheren Alltag in Deutschland machen zu können, ist ein Tourismusstudium nun mein Plan A. Und damit mein einziger Plan. Der Rucksack ist bereits für meine Südamerikareise mit Tobi gepackt, in wenigen Wochen würde es losgehen. Der NC für ein Tourismusstudium an der Hochschule liegt irgendwo zwischen 1,3 und 2,0 – je nach Anzahl der Bewerber. Ich bringe den Kuvert mit meiner Bewerbung zum nächsten Briefkasten und schmeiße ihn ein. Die werden sich eh niemals melden, denke ich.

Juli 2019.
Ich stehe schweißgebadet in einem völlig überfüllten Bus von unserer Unterkunft zur Altstadt von Cartagena, Kolumbien. Tobi steht mir gegenüber und schaut mich mit neugierigen Augen an, als mein Handy klingelt und eine Nachricht meiner Mutter anzeigt, die mir ein Foto gesendet hat. Mal wieder Post für mich. Der Ladebalken dreht sich und es dauert etwas, bis ich lesen kann, was auf dem abfotografierten Brief steht. „Zulassungsbescheinigung – Willkommen an der Hochschule Stralsund.“ Echt jetzt?
„Dann ziehen wir wohl im September nach Stralsund“, entgegnet mir Tobi mit strahlenden Augen.
September 2019.
Wir fliegen von Cancun in Mexiko nach Brüssel und fahren von dort mit Bus und Bahn über Berlin direkt nach Stralsund. Wir haben noch eine Woche, bis das Studium an der Hochschule beginnen würde. Eine Woche, um eine Wohnung zu finden, in der ich mich die nächsten drei Jahre aufhalten würde. Drei Jahre, denke ich. In Anbetracht dessen, dass ich es nie wirklich lange irgendwo aushalte, eine verdammt lange Zeit.

Zugegebenermaßen wünsche ich mir zunächst nichts sehnlicheres als das Ende des Studiums herbei, und die Möglichkeit, dieser Stadt im Norden endlich wieder den Rücken kehren zu können. Nach einem Semester an der Hochschule sorgt das große C für ein mächtiges Durcheinander. Wir wechseln von Präsenz in Online-Lehre, aus welcher wir erst im August 2021 wieder richtig rausfinden. Aber ich beiße meine Zähne zusammen und kämpfe mich durch.

Im Dezember 2020 ziehen wir näher an die Altstadt von Stralsund und an die Hochschule. Mit dem Wohnungswechsel beginne ich, mich endlich wohlzufühlen und fange an, Stralsund und seine Geschichte schätzen zu lernen. Ich beginne einen Nebenjob als Paddelguide auf dem Wasser und lerne dadurch die verschiedensten Charaktere kennen. An warmen Sommertagen geht es an den Strand, der nur noch fünf Minuten Fußweg von unserer Wohnung entfernt liegt, und abends genieße ich den Anblick auf die untergehende Sonne über den Sund, während ich an der Strandpromenade entlang laufe.
Juli 2022.
Ein beklemmendes Gefühl breitet sich in meinem Bauch aus, als ich die Tür zu unserer wunderschönen Wohnung ein leztes mal schließe. Vor uns liegt ein neues Kapitel. Das Auslandssemester steht vor der Tür. Zu Beginn meines Studiums wirkte dieses Semester so unheimlich weit weg, fast unerreichbar. Und jetzt wartet der vollgeladene Transporter auf seine Abfahrt zurück in den Süden.

Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich etwas, dass ich so noch nicht kannte. Das Gefühl, sein Zuhause zu verlassen. Ja, Stralsund war in den letzten drei Jahren mein Zuhause geworden, ob ich wollte oder nicht. Menschen waren zu Freunden geworden, und die Nähe zum Wasser war Bestandteil meines Alltags. Doch nun warten neue Abenteuer auf uns. Ich war schon in so vielen unterschiedlichen Ländern, aber in die Staaten habe ich noch nie einen Fuß setzen können. Und obwohl es in zwei Tagen losgeht, ist die Zukunft in San Diego für mich noch gar nicht greifbar.
Ob ich aufgeregt bin? Ich weiß es nicht. Ich verlasse die Stadt mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Lachend, weil ein neues, aufregendes Kapitel auf mich wartet. Und weinend, weil ich dafür einen Ort verlassen muss, der auf den zweiten Blick gar nicht mal so übel ist.