Nur wenige Autostunden von Madrid und Barcelona entfernt, aufgeteilt zwischen Lleida und Girona, befindet sich eine Region, die mir bisher völlig unbekannt war: Die katalanischen Pyrenäen. Dabei muss sie sich mit ihren Dörfern voller Geschichte und Kultur, ihrer wilden Natur sowie ihrem malerischen Bergpanorama absolut nicht verstecken. Ganz im Gegenteil.
In diesem Artikel begeben wir uns also in die katalanischen Pyrenäen, wandern durch die spektakulären Landschaften des Nationalparks Aigüestortes i Estany de Sant Maurici und Val d’Aran und sprechen mit Einheimischen über ihr Leben in den Bergen und der Natur abseits des sonst so trubeligen Barcelonas.
Wo liegen die katalanischen Pyrenäen?
Die katalanischen Pyrenäen sind Teil eines Gebirges im Nordosten Spaniens und bilden dort die Grenze zu Frankreich, wobei sie bis zur Mittelmeerküste reichen. Sie umfassen die Provinzen Girona und Lleida und das Tal Val d’Aran. Sie gehören zur autonomen Gemeinschaft Katalonien, deren Hauptstadt Barcelona ist. Mit katalanisch, einem Mix aus Spanisch und Französisch, sprechen die Menschen in der Region sogar ihre eigene Sprache.
Von Barcelona in die Pyrenäen – Anreise
Allein die Anreise in die Berge ist schon spektakulär und ich klebe am Fenster wie ein Kind, das zum ersten Mal durch die Lichterabteilung eines Baumarktes läuft. Wir lassen das trubelige Barcelona schnell hinter uns und begeben uns in eine Landschaft, in der die Zeit still zu stehen scheint. Schon kurz hinter Lleida offenbart sich der erste Blick auf die Pyrenäen in der Ferne. Die Olivenplantagen des Flachlandes weichen einer rauen Berglandschaft, die Straße schlängelt sich vorbei an Stauseen und tiefen Schluchten. Ich hätte mir keine schönere Zeit für die Katalonien Reise aussuchen können: Der Herbst färbt die Blätter in einen Mix aus tiefem Rot sowie goldenem Gelb und schenkt uns Anfang Oktober milde Temperaturen zum Wandern in der Natur. Das lässt die Landschaft um uns herum noch mystischer aussehen.

Vall de Boí
Centre del Romànic de la Vall de Boí
Nach etwa drei Stunden Fahrt erreichen wir schließlich das Vall de Boí. Noch etwas wackelig auf den Beinen von der kurvenreichen Fahrt besuchen wir am späten Nachmittag das Centre del Romànic de la Vall de Boí. In dem neu errichteten Museum reisen wir mit VR-Brillen in der Zeit zurück und erleben wortwörtlich hautnah, wie sich das Leben im Tal früher abspielte, wie die fast 1.000 Jahre alten Kirchen der Region erbaut und mit ihren ursprünglichen Wand- und Deckenmalereien aussahen. Dabei sind die anderen im Raum ebenfalls in der Virtual Reality zu sehen und Teil des „Spiels“. Eine wirklich coole Sache, um die Geschichte und Kultur des Ortes spielerisch und spannend zu vermitteln, ohne dass Langeweile aufkommt.



Anschließend dürfen wir noch den Kirchturm besteigen, der uns eine fantastische Sicht auf das romantische Tal zum Sonnenuntergang beschert. Der Blick auf die Steinhäuser gepaart mit den herbstlich-bunten Bäumen geben mir das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Auch die UNESCO hat das Potential von Vall de Boí erkannt und das gesamte Tal im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe erklärt.

Sant Climent de Taüll
Unser nächster Stopp ist das kleine charmante Dorf Taüll, denn auch hier befindet sich ein kleines Highlight. Die Kirche Sant Climent de Taüll ist nicht nur von außen hübsch anzusehen, es gibt auch ein Video Mapping, das die ursprünglichen Fresken (Wandmalereien) aus dem Jahr 1123 virtuell zeigt. In einer kurzen Show wird das Originalgemälde an die Wand projiziert, sodass man ein Gefühl dafür bekommt, wie prächtig die Wand- und Deckenmalereien der Kirche ausgesehen haben müssen.


Unterkunft in Boí
Die erste Nacht unserer Katalonien Reise verbringen wir im Hotel Pey. Passend zur Umgebung ist das Hotel ein altes Steinhaus mit dem typischen Charme eines Bergdorfes. Verbesserungspotential gibt es hinsichtlich der Speisekarte des Hotelrestaurants , denn leider gibt es kein einziges vegetarisches Gericht und Anpassungen sind nur bedingt möglich.


Nationalpark Aigüestortes und Sant Maurici
Mein persönliches Highlight der Katalonien Reise ist die Wanderung durch den Aigüestortes Nationalpark. Dieser liegt in den Hochpyrenäen der Provinz Lleida. Er ist der einzige Nationalpark Kataloniens und zugleich einer der schönsten Orte der Pyrenäen. Der Nationalpark wurde bereits 1955 von der katalanischen Regierung ins Leben gerufen und bietet nicht nur Schutz für Tier und Umwelt, sondern auch wunderschöne Wanderwege durch die wilde Natur. Egal ob kurze Rundwanderungen oder Mehrtageswanderungen mit Übernachtung in Hütten: Hier kommen Wanderer jedes Niveaus voll auf ihre Kosten. Die Hütten sind sehr beliebt, sodass eine Buchung mindestens 4 Wochen im Voraus empfohlen wird.

Unser Guide Roc führt uns über einen einfachen Wanderweg durch die atemberaubende Landschaft. Immer wieder bleiben wir stehen, um Fotos zu machen und etwas über den Park zu erfahren. Dabei geht es vorbei an schroffen Berggipfeln, Seen und Wäldern.

Fallas: Tradition zur Sommersonnenwende
Roc erzählt uns von den Fallas, ein Fest, das in den katalanischen Pyrenäen zur Sommersonnenwende gefeiert wird. Dabei tragen Fackelträger (sogenannte »fallaires«) nach Einbruch der Dunkelheit brennende Fackeln die Gebirgshänge zu den Dorfplätzen hinunter, wo dann bei Musik und Tanz ein großes Feuer entzündet wird. Das Fest beruht auf einer Jahrhunderten alten Tradition der Pyrenäenkultur. In der VR-Experience im Centre del Romànic wird das Fest ebenfalls kurz visualisiert.
Mehr als 200 Seen
„Aigüestortes“ heißt „gewundene Wasser“, und tatsächlich macht der Park mit über 200 Seen, geschwungenen Flüssen und Wasserfällen seinem Namen alle Ehre. Über Jahrhunderte hinweg hat das Wasser die ehemalige Gletscherlandschaft geduldig geformt. Tiere wie Adler, Gemse oder sogar Bären (ja, echt jetzt!) nennen Aigüestortes ihr zuhause, zu Gesicht bekommen wir auf unserer Wanderung allerdings keine. Dafür treffen wir aber auf waschechte Einheimische, die braunen Kühe, die unterwegs immer wieder unsere Wege kreuzen.

Wie kommt man zum Nationalpark Aigüestortes und Sant Maurici?
Der Nationalpark ist autofrei und kann auch nur zu Fuß oder mit einem Shuttle erreicht werden. Die Shuttles verkehren bei gutem Wetter täglich und können direkt an der Plaça del Treio in Boí genommen werden. Eine Reservierung ist in der Regel nicht nötig. Der Park hat zwei Eingänge. Wenn du mit dem Auto anreist, kannst du es am Parkplatz Palanca de la Molina (Eingang Aigüestortes) oder Cavallers Dam (Eingang Cavallers Dam) abstellen und jeweils von dort in den Park wandern.




Unterkunft in Vielha
Am Abend fahren wir ins wunderschöne Bergdorf Vielha, um am nächsten Tag das Val d’Aran zu besuchen. Wir übernachten im Hotel el Ciervo. Ein wirklich süßes Hotel mit vielen kleinen Details und einer warmen Atmosphäre.


Val d’Aran
Ab auf’s Bike: Electric Riders in Val d’Aran
Der nächste Morgen steht für uns ganz im Sinne des Abenteuers. Electric Riders in Salardu hat es sich zur Aufgabe gemacht, nachhaltige Touren mit elektronisch betriebenen Motorbikes anzubieten. »Das ist wie Fahrradfahren«, sagt unser Guide, als ich mit aufgerissenen Augen vor einem Elektro-Bike stehe, das für mich doch etwas mehr nach Motorrad als nach Fahrrad aussieht. Dabei können bereits Kinder ab 3 Jahren daran teilnehmen.
»Naja, wenn die das können, muss ich das ja auch!«
Also setze ich mich nach einer kurzen Einweisung auf mein Motorbike und quietsche etwas zu doll, als sich das Ding in Bewegung setzt. Zum Vergnügen der ganzen Gruppe, denn wir sind alle über ein Headset in unseren Helmen miteinander verbunden. Aber ich merke schnell, dass es doch irgendwie gar nicht so schwer ist, wie ich anfangs dachte, und schaffe es tatsächlich unfallfrei, meiner Gruppe über Stock und Stein zu folgen.



Die Tour führt uns 90 Minuten durch die Berge des Val d’Aran. Über den integrierten Kopfhörer im Helm bekommen wir unterwegs immer wieder Informationen über die Landschaft und das Leben im Tal vermittelt. Da die Motorbikes keinen Lärm machen, kann man sich so richtig gut auf die Natur und die Umgebung einlassen. Die geniale Aussicht auf das Tal und die umliegenden Berge sowie der Fakt, meine Angst überwunden zu haben tun ihr Übriges, um die Tour zu einem der Highlights meiner Pyrenäen Reise werden zu lassen. Eine wirklich tolle Idee, um das Tal mal auf eine andere Art und Weise zu entdecken.
Restaurant-Tipp in Val d’Aran
Das El Jardí dels Pomers ist ein kleines, süßes Restaurant mit authentischer aranesischer Küche. Zudem ist es eines der wenigen Restaurants in der Region, wo man als Vegetarier nicht nur Salat vorgesetzt bekommt, sondern richtig leckere Alternativen, die den originalen Speisen nahekommen. In meinem Fall gab es Kartoffelpüree mit gebratenen Pilzen aus der Region.

Geführte Wanderung zum Wasserfall Uelhs deth Joèu
Mit vollgeschlagenen Bäuchen ist es am Nachmittag wieder Zeit für etwas Bewegung. Es geht auf eine kleine Wanderung mit Guide Iván über den Wanderweg zum Wasserfall »Uelhs deth Joèu«, um die Natur und Traditionen des Val d’Aran kennenzulernen. Wir laufen ein sehr gemächtliches Tempo, da wir alle paar Meter stehen bleiben, um Iváns Geschichten zu lauschen oder Fotos zu machen.

Die Route führt uns zunächst durch ein Tal, vorbei an einer Weide mit Kühen. Anschließend offenbart sich ein wunderschönes Panorama auf die hohen Gipfel und Bergkämme, bevor uns der Weg schließlich in einen dichten Wald führt. Wir haben Glück und erwischen die letzten Sonnenstrahlen des Tages, während Iván uns von der Geschichte des nahegelegenen Aneto-Gletschers erzählt.


Dieser Gletscher ist auch die Ursache für den Wasserfall, den wir am Ende erreichen und der eine besondere Eigenheit hat: Das Schmelzwasser des vier Kilometer entfernten Gletschers versickert nämlich direkt in die Erde. Lange Zeit nahm man an, dieses kostbare Trinkwasser sei verloren. Doch dann bemerkte man, dass das Schmelzwasser sich die gesamte Strecke von über vier Kilometern unterirdisch seinen Weg bahnt, bis es schließlich in Form des Wasserfalls Uelhs deth Joéu wieder an die Oberfläche tritt.


Esterri
Am Nachmittag heißt es wieder höchste Konzentration, denn es geht mit dem Bus über einen kurvigen Bergpass nach Esterri. Die spektakulären Aussichten auf die Pyrenäentäler entschädigen mich jedoch für die Reiseübelkeit. Das Dorf selbst ist sehr klein aber äußerst sehenswert. Im Gegensatz zu Boí und Taüll gibt es hier ein paar kleine Läden, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten.

Übernachtung in Esterri
Unsere Unterkunft ist das Hotel Trainera, das etwas anders und moderner ist als die vorherigen Hotels. Es verfügt sogar über einen Spa-Bereich, den ich aber aus Zeitgründen nicht ausprobieren konnte. Nach all den aufregenden Wanderungen wäre das sicherlich ein gelungener Tagesabschluss.

Alt Pirineu Naturpark
Mollera d’Escalarre wetlands
Der letzte Tag der Katalonien Reise führt in den Alt Pirineu Naturpark, wo wir Julia kennenlernen. Sie führt uns durch die Mollera d’Escalarre wetlands und weiht uns dabei in die heimische Pflanzenkunde ein.

Während ich ihrer Begeisterung folge, beginne ich zu verstehen, wie sehr die Menschen in den Pyrenäen im Einklang mit der Natur leben – früher wie heute. Dabei spielte vor allem der Aberglaube eine wichtige Rolle. So erzählt sie davon, wie bestimme Pflanzenarten Schutz vor Unheil bringen, als Heilmittel genutzt werden oder sogar als Waffe im Krieg verwendet wurden.



Ecomuseum of the Valleys of Àneu
Anschließend besuchen wir das nahegelegene Ecomuseum. Zugegeben, ich hatte zunächst eine ganz andere Vorstellung von solch einem Museum. Ich erwartete wieder heimische Pflanzen- und Tierarten, werde aber eines Besseren belehrt. Denn stattdessen betreten wir eine völlig andere Welt. Ein Mittelklasse-Kaufmannshaus, wie es seinerzeit typisch für die Pyrenäen war.

Es war bis zum Bürgerkrieg in den 40er Jahren bewohnt und ist noch voll eingerichtet. Eine tolle und spannende Möglichkeit, das kulturelle Leben der Àneu-Täler in der Vergangenheit und die Veränderungen, die im Laufe des letzten Jahrhunderts stattgefunden haben, besser zu verstehen.




Salzmuseum Gerri de la Sal
In dem kleinen Örtchen Gerri de la Sal wurde der Alltag der Menschen über Jahrhunderte von der Salzproduktion bestimmt. Denn nur ein paar Meter vom Dorfzentrum entfernt befindet sich eine Salzwasserquelle. Im 19. Jahrhundert war die Salzproduktion so erfolgreich, dass sie das gesamte Dorf versorgen konnte. Doch 1982 kam es zu einer großen Katastrophe in den katalanischen Pyrenäen, bei welcher der Fluss die Salzbecken überflutete und sie damit zerstörte.

Die wenigen Salzbecken, die verschont blieben, waren bis 2012 in Betrieb, konnten aber mit der modernen Salzherstellung nicht mehr mithalten. Das große Lagerhaus ist heute ein Museum, das die Mittel und Wege der damaligen Salzproduktion erklärt. Noch heute sind die Salzrückstände an den Wänden des Gebäudes erkennbar. Im Shop wird noch immer Salz aus Gerri de la Sal verkauft, bis der Bestand leer ist.


Nach dem Museumbesuch schlendern wir noch etwas durch das Dorf mit seinen hübschen Steinhäusern. Eine Steinbrücke führt über den Fluss auf die andere Seite und markiert den Eingang eines Klosters. Vor dem 19. Jahrhundert hat das Überqueren noch Geld gekostet, wenn man das Territorium der Monks betreten wollte.

Fazit: Lohnt sich eine Reise in die katalanischen Pyrenäen?
Wer Natur und Ruhe sucht, ist in den katalanischen Pyrenäen goldrichtig. Aber auch Aktivurlauber kommen hier auf ihre Kosten. Mich haben die Pyrenäen sehr überrascht. Die raue Natur, die fast unberührt wirkt, die Jahrhunderte alten Dörfer mit ihren Traditionen und die Nähe zur Natur haben mich sehr beeindruckt. Für mich sind die katalanischen Pyrenäen eine unterschätzte Region, in der es endlos viel zu entdecken gibt und in welcher man durchaus mehrere Wochen verbringen kann. Und dann hat man wahrscheinlich noch immer nicht alles gesehen.
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Katalonien Tourismus. Meine Meinung und Erlebnisse bleiben davon unberührt.
