Island mit dem Fahrrad – In 33 Tagen um die Insel

Wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, ich würde eines Tages aufbrechen um Island mit dem Fahrrad zu umrunden, dann hätte ich ihn sicherlich für verrückt erklärt. Genaugenommen hasste ich das Fahrradfahren. In Deutschland legte ich selbst größere Distanzen lieber zu Fuß zurück, als mich auch nur eine Minute auf meinem Drahtesel abmühen zu müssen. Desto verblüffter war ich, als mein Freund Tobi mir abends plötzlich vorschlug, Island in den Semesterferien mit unseren eigenen Fahrrädern zu umrunden.

Tatsächlich musste ich nicht lange überlegen, denn mit der Chance, die für mich begehrenswerteste und interessanteste Vulkaninsel der Welt einmal mit eigenen Augen zu sehen, schaltete mein Gehirn vollständig aus. Der Drang nach Abenteuer war in diesem Moment stärker als meine Abneigung gegen das Radfahren – und zugegebenermaßen auch stärker als mein gesunder Menschenverstand, hatte ich doch noch nie zuvor auch nur ansatzweise sowas wie eine Fahrradtour gemacht.

Ohne Vorbereitung mit dem Fahrrad nach Island

Von diesem Moment an hatten wir nur noch 2 Wochen Zeit, unsere Fahrräder auf Vordermann zu bringen und uns für unsere 33-tägige Tour bei Wind und Wetter auszurüsten. Dementsprechend gab es unsererseits keine Vorbereitung auf die Fahrradtour um Island. Vorheriges Training: Fehlanzeige. Genaugenommen war es die erste Radtour meines Lebens. Im Nachhinein kann ich sagen, zwei Wochen sind für die Vorbereitung einer Radtour im Übrigen viel zu wenig Zeit, wenn man a) absolut keine Ahnung von Radtouren hat, b) zwei komplett unbrauchbare Drahtesel besitzt, und c) mitten in der Prüfungsphase steckt.

Insgesamt warteten nun 1544 Kilometer, 7 Pässe und das unvorhersehbare Isländische Wetter auf uns.

Mit dem Fahrrad nach Island

In Keflavik angekommen, entschieden wir uns dazu, im Uhrzeigersinn zu fahren, damit wir uns die Highlights im Süden für das Ende aufsparen konnten. Schon auf der ersten Etappe vom Flughafen bis Reykjavik machte uns der Isländische Wind klar, dass diese Reise kein Zuckerschlecken werden würde.

„Halleluja ist das bergig! Wie soll ich das nur durchhalten? Ich bin ja heute schon völlig fertig!“
Tagebucheintrag von Tag 1, 08.08.21

Gegenwind - Mit dem Fahrrad zwischen Feuer und Eis. Das Buch von Autorin und Weltreisende Jessica Zenner
In meinem Buch „Gegenwind – Mit dem Fahrrad zwischen Feuer und Eis“ schreibe ich über meine Erlebnisse

Und tatsächlich sollte der Wind die komplette Tour bis auf drei Tage konstant gegen uns wehen. Diese Dauerhaftigkeit des Zustands brachte mich schier zur Verzweiflung. Doch es war nicht nur der Wind, auch die Schmerzen in meinem Knie, welche sich schon am zweiten Tag bemerkbar machten. Das ist das Ding am Fahrradfahren: man ist gezwungen, unglaublich viel Zeit mit sich selbst und seinen Gedanken zu verbringen. Und eins kann ich euch sagen: Mein Kopf ratterte. Mit jedem Meter, mit jedem Tritt, mit jedem stechenden Schmerz im Knie. Ich begann, meine Entscheidung zu hinterfragen, ja, mich dafür zu verurteilen, mich in diese Situation gebracht zu haben. Es gab kein zurück mehr, egal wie sehr ich es mir zeitweise wünschte.

„Island mit dem Fahrrad ohne Training, ja bin ich denn bekloppt?“
Tagebucheintrag von Tag 4, 11.08.21

Aufstieg kurz hinter Myvatn. Sonnenuntergangsstimmung und aufsteigender Rauch aus den heißen Quellen machen die Landschaft zu etwas Besonderem.

Wenn ich darüber nachdachte, weshalb ich meinem ersten Impuls so zielstrebig gefolgt war und mich mit Tobi in dieses Abenteuer gestürzt hatte, konnte ich darauf keine genaue Antwort finden. Es kam mir plötzlich vor wie eine Verzweiflungstat, um zu testen, ob mein Körper und ich nochmal Freunde werden würden. Zwei Jahre zuvor war ich an das Drüsenfieber erkrankt und hatte noch immer mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Durch die Krankheit hatte ich die Verbindung zu meinem Körper fast gänzlich verloren. Monatelang war ich nicht in der Lage, meine Umgebung wahrzunehmen. Natürlich wusste ich, wo ich mich physisch befand, aber irgendwas fehlte mir zur Vollkommenheit. Es war wie ein Nebel, der sich seit Ausbruch der Krankheit über mein Bewusstsein legte. Alles spielte sich ferner ab, weit weg von meinem Innersten. Wie sollte ich mit meinem Körper im Einklang sein, wenn ich meine eigene Mitte nicht mehr kannte?

Die Fahrräder vor einer Bergkette Islands

Einbeinig durch Island

Die Reise mit dem Fahrrad in Island sah ich nun als willkommene Chance, endlich wieder zu meinem Körper zu finden. Ich wollte unbedingt wissen, ob das Monster noch immer irgendwo tief in mir schlummerte. Körperlich hatte ich in den letzten Monaten riesige Fortschritte gemacht. Eine gewisse Portion Angst hatte ich schon im Gepäck.

„Was ist, wenn ich es nicht schaffe? Werde ich Tobi im Stich lassen müssen?“

Bei der Vorstellung daran, mir während der Reise irgendwo in der Pampa Islands eingestehen zu müssen, nicht fit genug zu sein, stellten sich mir die Nackenhaare hoch. Trotzdem wollte ich es versuchen und quälte mich Tag für Tag die Strecke entlang, zeitweise mit nur einem Bein. Tobi bastelte mir eine Schlaufe ans Pedal, mit dessen Hilfe ich das schmerzende Bein durch das Treten mit dem gesunden Bein entlasten konnte.

Sonnenuntergang am Vulkan Fagradalsfjall
Wanderung zum Vulkan Fagradalsfjall
Der Gletschersee Jökulsarlon war eins unserer absoluten Highlights.
Der Gletschersee Jökulsarlón war eines unserer absoluten Highlights

Einzigartige Natur

Islands einmalige Natur sorgte aber trotzdem dafür, dass ich aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam. Von rauen Bergketten, sattgrünen Pferde- und Schafweiden bis hin zum absoluten Niemandsland, in dem kilometerweit nichts als Sand, Moos und Steine lagen, selbst auf dem Fahrrad änderte sich die Landschaft der Vulkaninsel täglich. Die Pässe im Norden brachten unsere Oberschenkel zum Zittern, und die heißen Quellen am Abend ließen die Muskeln wieder entspannen. Die Sonne war dabei, zumindest im Norden der Insel, stehts an unserer Seite. Sie verabschiedete sich mit dem Öxi-Pass im Westen der Insel, an dem sie uns noch einmal eine Etappe mit sagenhaften 24,5 Grad schenkte.

Hinter der Bergkette warteten Nebel und Regen auf uns. Meckerten wir anfangs noch über 28km/h Gegenwind, so wünschten wir uns diese bald zurück. Im Süden kämpften wir beinahe täglich gegen gnadenlose 50km/h an, die selbst kürzere Etappen schier unendlich wirken ließen. „NEIN, NEIN, NEIN“, schrie ich immer wieder in den Wind. In diesen Momenten fühlte ich mich hilflos, der Natur völlig ausgeliefert. Gleichzeitig hatte ich mich allerdings auch noch nie so verbunden gefühlt. Verbunden mit der Natur, mit meinem Körper, mit Tobi. In der letzten Woche sollte unsere Mühe dann mit dem wohl schönsten Naturschauspiel unseres Planeten belohnt werden: Die Polarlichter tanzten zwar nicht wie erhofft über unseren Köpfen, aber zeigten sich als leicht-grünlich schimmernden Schleier am Sternenhimmel.

Die Polarlichter leuchten am Himmel. Man sieht unser Zelt und unsere Fahrräder, darüber der grüne Schleier.

Nach insgesamt 33 Tagen und 1544 Kilometer voller Verzweiflung, Tränen und Freude erreichten wir den Flughafen Keflavik. Wir hatten es geschafft. Obwohl wir so oft darüber nachdachten, den Bus zu nehmen, hatten wir die Insel mit unseren eigenen Fahrrädern umrundet. Wir hatten den Wind besiegt. Wir hatten den Schweinehund besiegt. Ob mein Fahrrad und ich nun endlich zueinander gefunden hatten? Wer weiß. Der Vorschlag für die nächste Radtour kam jedenfalls von mir.

Freude am Flughafen Keflavik: wir hatten es geschafft, Island mit dem Fahrrad zu umrunden. Das Bild zeigt uns vor dem Flughafengebäude, freudestrahlend, mit einem Schild in der Hand, dass die gefahrenen Kilometer zeigt.
Das letzte Foto: angekommen am Flughafen in Keflavik. Ich hätte nicht glücklicher sein können.

Island mit dem Fahrrad – die Reise in Zahlen

Zurückgelegte Kilometer: 1544
Wasserfälle gesehen: 102
Vulkane gesehen: 8
In heißen Quellen gebadet: 3
Campingplätze genutzt: 18
Mental Breakdowns: 4
Gegessene Skyr: 16
Erforderliche Reparaturen: 4
Sonnentage: 8
Regentage: 7
Radfahrer getroffen: 46
Pässe bezwungen: 8
Ruhetage: 4
Per Anhalter gefahren: 4
Wir wurden 57 mal von anderen Reisenden angefeuert oder gegrüßt
Gesehene Gletscherzungen: 16
Gesamte Reisezeit in Tagen: 33
davon mit Rückenwind: 3
davon mit Gegenwind: 30

Island Fahrradtour in 4 Wochen – die Route

Wir haben die komplette Tour mit Komoot geplant und getrackt. Hier kommst du zur Tour. Du planst, Island mit dem Fahrrad zu umrunden und weißt noch nicht so recht, was du dafür alles brauchst? Hier kommst du zu meiner Packliste inklusive PDF zum ausdrucken.

Island mit dem Fahrrad – die Geschichte geht weiter

Du möchtest mehr erfahren? In meinem Buch „Gegenwind – Mit dem Fahrrad zwischen Feuer und Eis“ nehme ich dich mit auf meine Reise durch Island und meinen Kampf mit dem isländischen Gegenwind.

Es gibt auch ein Buch! "Gegenwind - Mit dem Fahrrad zwischen Feuer und Eis" von Autorin Jessica Zenner. Entdecke das Buch mit Klick auf den Banner.

14 comments

  1. Das ist einfach so krass, dass du das gemacht hast. Ich glaube sofort, dass Dir diese Reise für immer und ewig im Kopf und Herz bleibt. Einfach Meeeegggaa!!

  2. Liebe Jess,

    wie schön und authentisch du diese unglaubliche Reise in Worte und Zahlen gefasst hast! 🙂 Hab das Lesen sehr genossen und freue mich ja schon irgendwie darüber, ein kleiner Teil davon gewesen zu sein und euch kennengelernt zu haben, auch wenn wir in Island körperlich nicht annähernd das geleistet haben wie ihr :D. Meinen größten Respekt hast du – das weißt du 🙂 Und zu deinen ersten Leserinnen werde ich sicherlich auch gehören.
    Mach weiter so!

    Liebe Grüße,
    Hannah

    1. Hej Hannah! Danke dir vielmals für diesen lieben Kommentar. Ihr beide seid auf jeden Fall Teil dieser Reise und natürlich habt natürlich auch euren kleinen Auftritt in meinem Buch 😉
      Ich bin auch sehr froh, euch persönlich kennen gelernt zu haben und auch darüber hinaus einen so tollen Kontakt zu haben 🙂
      Wir sehen uns! :*

  3. Hallo Jess, mit großer Begeisterung habe ich Dein Buch gelesen. Die Schilderung Deiner sehr persönlichen Erfahrungen und Deine authentische Beschreibung der Überraschungen und Herausforderungen sind spannend zu lesen und waren für mich eine richtig gute Vorbereitung meiner Radrundreise durch Island in den vergangenen 4 Wochen – folgend Eurer Radspuren auf der Ring Road no. 1. Eure Erlebnisse habe ich persönlich jeden Tag nachvollziehen können. Mich haben die vielen Begegnungen und die Verbundenheit der Radreisenden aus aller Welt sehr gefallen. Danke für Dein tolles Buch, dass ich bereits weiter sehr empfohlen habe und weiß, dass Du spontan schon die eine oder andere Buchbestellung erhalten hast. Ich freue mich auf Deine weiteren Berichte und Erfahrungen !!

    1. Lieber Christian, vielen lieben Dank für dein Feedback! Vor allem, dass es dich auf deine eigene Radtour um Island begleitet hat. Das freut mich wirklich sehr und bedeutet mir sehr viel.

  4. Tolle Beschreibung. Nachdem Corona mir meine Fahrtpläne lange zerstört hat will ich nun 2024 dieses Abenteuer nachholen. Für mich sicher eine Herausforderung weil ich dann schon 69 Lenze zählen werde. Aber das ist etwas was ich in meinem Leben unbedingt noch machen möchte. Zumal ich eh der „nordische Typ“ bin. LG aus Berlin

  5. Hi zusammen, danke für die eindrucksvolle Beschreibung mit schönen Bildern. Ich plane (Fähre bereits gebucht) 2024 im Juli / August auf die Insel überzusetzen. Ich freue mich riesig und bin schon in Gedanken am vorbereiten. Das Fahrrad steht soweit, jetzt kommt die weitere Ausrüstung.
    LG aus Norddeutschland
    ps dein Buch muß ich noch lesen da der Kurzbericht hier mich sehr neugierg macht.

    1. Lieber Reinhard, vielen Dank für das Kompliment zu meinem Beitrag. Ich wünsche dir ganz viel Spaß auf deiner Tour, und vielleicht denkst du ja das ein oder andere Mal an meine Worte 😉

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