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Sonnenuntergang oder Aufgang? Ich weiß es nicht mehr

ABENTEUER AMAZONAS TEIL 2 – MIT DEM FRACHTSCHIFF NACH IQUITOS

Es ist 15 Uhr, als wir mit dem Speedboot zurück nach Leticia kommen. Wir haben nicht viel Zeit, denn auf der anderen Seite des Flusses, der peruanischen Seite, wird bereits das Frachtschiff beladen, welches uns in die drei Tage entfernte Stadt Iquitos bringen soll. Mach dir einen Tee, hole dir einen leckeren Snack und lehne dich zurück, denn heute erwartet dich eines meiner bisher größten Abenteuer und ich bin aufgeregt, diese Zeilen zu schreiben.

Das Abenteuer Amazonas geht in die zweite Runde

Wann genau der Frachter abfährt, kann uns niemand so genau sagen. Auch im Internet werden wir nicht fündig. Die einen sagen es fährt um 17 Uhr, während die anderen sich ganz sicher sind, es würde erst um 20 Uhr aus dem Hafen laufen. Manche Blogs sprechen sogar davon, dass der Frachter gar keine Passagiere mehr mitnimmt. Na toll, das geht ja schon gut los. Eines ist jedoch sicher: wir dürfen es nicht verpassen, denn wir haben für die kommende Nacht keine Unterkunft mehr. Wir hetzen also mit Sack und Pack durch den kleinen Hafenbereich von Leticia, um noch letzte Besorgungen zu machen. Für die Tour benötigen wir eine Hängematte, Seile zum fest binden und Wasser. Auch wenn für das Essen auf der Fahrt wohl gesorgt sei, kaufen wir noch ein paar Snacks und zwei Dosen Bier. Sicher ist sicher.

die Sonne steht schon tief

Als wir zum Pier zurückkommen, steht die Sonne bereits tief und tränkt den Amazonas in ein tiefes, wunderschönes Orange. Kleine Fischerboote stehen wie Taxis bereit, um Menschen von A nach B zu bringen. Wir haben nur ein Problem: wie erklärt man ohne große Spanischkenntnisse, dass wir auf die andere Seite zum Anleger eben genau jenes Frachtschiffes wollen, welches heute Abend nach Iquitos aufbrechen wird? Viel Zeit um einen anständigen, verständlichen Satz auf Spanisch zu überlegen bleibt uns nicht, denn der erste Fahrer spricht uns sofort an. Mit einem verlegenen „Barco a Iquitos?“, was soviel bedeutet wie „Boot nach Iquitos?“ steigen wir bei ihm ein und er gibt uns mit einem „Sí, vale, iquitos, sí“ zu verstehen, dass er weiß, was wir meinen. Mensch, das war ja einfach. Als nach uns allerdings noch 4 weitere Personen ohne großes Gepäck aufs Boot springen, verfliegt unsere Freude über den Erfolg wieder. Hat er uns wirklich verstanden?

Die Überfahrt auf die andere Seite dauert ca. zehn Minuten, ist aber wunderschön. Das orange-rot funkelnde Wasser mit den kleinen Fischerhütten auf Stelzen ist einfach ein genialer Anblick. Als der Fahrer anhält und wir aussteigen wollen, hält er uns zurück. „Iquitos, Sí…“ murmelt er und lässt die anderen Passagiere raus. Für eine kurze Zeit schleicht sich der Gedanke in meinen Kopf, dass er uns nach Iquitos bringen will. Würden wir das in diesem Boot überhaupt schaffen? Wie lange würde es wohl dauern? „Fast Ferry, Sí?“ fragt er uns. „No, no, Slow Ferry“. Auch wenn uns die Fast Ferry innerhalb kürzester Zeit nach Iquitos bringen würde, wollen wir unbedingt die langsamere Fähre nehmen, um die Fahrt in vollen Zügen genießen zu können. Obwohl er nickt, gibt er nach kurzer Zeit wieder ein „Fast Ferry“ von sich. Dann bringt er uns direkt vor ein riesiges Militärschiff. Das darf doch nicht wahr sein. In wenigen Minuten könnte das Frachtschiff vom Hafen ablegen, und wir dümpeln auf dem Amazonas herum, als hätten wir alle Zeit der Welt. „NO, SLOW FERRY PLEASE“. „Slow Ferry braucht drei Tage“ gibt er uns auf Spanisch zu verstehen, als wären wir bescheuert, freiwillig die längere Fahrt auf uns zu nehmen. Mit einem Kopfschütteln wendet er das Boot und kurze Zeit später halten wir an einem Pier, direkt vor einem alten Frachtschiff.

Auf dem Weg zum Frachtschiff kommen wir an vielen solcher Hütten vorbei

Das alte Ding

Was soll ich sagen? Auf den ersten Blick bin ich so sehr geschockt über den Zustand des Schiffes, dass ich mich doch glatt zurück zum Militärschiff wünsche. Als uns der Kapitän jedoch mit einem herzlichen Lächeln an Bord begrüßt und uns den Weg aufs Passagierdeck erklärt, ist der Schock sofort verflogen. Es gibt insgesamt drei Decks für die Passagiere. Die ersten beiden sind bei unserer Ankunft schon gut gefüllt, das oberste noch fast leer. Dort suchen wir uns ein gutes Plätzchen für die beiden Hängematten und werden schnell fündig. Kaum sind diese aufgehangen, drehen die Polizei und der Zoll ihre Runde übers Deck, um die Pässe zu kontrollieren. Den Stempel für Peru hatten wir uns Gott sei Dank schon vorher in Leticia geben lassen, auf dem Schiff ist das nicht mehr möglich. Danach wird das Geld eingesammelt. Die Überfahrt von Santa Rosa nach Iquitos kostet uns pro Person nur knapp 70 Pesos, also umgerechnet ca. 20 Euro, die wir den Männern in die Hand drücken.

die Hängematten wurden aufgehangen

Das Frachtschiff fährt ab

Gegen 20 Uhr ertönt ein lautes Hupen und das alte Frachtschiff auf dem Amazonas setzt sich in Bewegung. Entgegen meiner Erwartungen ist unser Deck noch immer recht leer, lediglich eine kleine Gruppe von Backpackern und eine Hand voll Einheimischer haben ihr Nachtlager aufgeschlagen. Zur Feier das Tages, dass wir es tatsächlich aufs Schiff geschafft haben, stoßen wir mit unseren zwei Dosen Bier an und setzen uns an den Rand. Es ist bereits dunkel, weshalb wir von der Umgebung außerhalb des Schiffes nicht mehr viel sehen können. Trotzdem ist die ruhige Stimmung auf dem Schiff irgendwie wohltuend, nur das leise Dröhnen des Motors ist zu hören. Wir unterhalten uns eine Weile über Gott und die Welt. Dabei merken wir gar nicht, dass wir mittlerweile die einzigen sind, die noch wach sind. Mit dem Bier in der Blase lässt es sich natürlich nicht lange warten, bis ich das erste mal auf die Toilette muss. Auf dem Weg dorthin laufe ich an einem Mann in Camouflage vorbei, der mir mit düsterer Miene zunickt. Hat der da etwa ein Gewehr in der Hand?

Glasklare Nacht

Als ich zurückkomme hat Tobi die Idee, sich über die Absperrung ins hintere Teil des Schiffes zu schleichen, um dort die Sterne zu beobachten. Weil sowieso alle schlafen stimme ich zu und so klettern wir drüber. Als ich meinen Kopf hebe, um in den Himmel zu gucken, bekomme ich nichts als ein langes „WOOOOW“ heraus. Über uns funkelt der schönste, hellste, mächtigste Sternenhimmel, den ich je gesehen habe. Einzig der Blick auf die Milchstraße im Outback Australiens könnte an diesen unglaublichen Anblick in den Nachthimmel herankommen. Einen kurzen Moment stehen wir einfach nur da, Hand in Hand – fast schon kitschig, und schauen nach oben.

Plötzlich ertönt ein lauter Knall. „War das ein Schuss?“, fragt Tobi. Dann fällt es mir wieder ein. Natürlich, der Mann mit der Waffe! Mir kommt der mulmige Gedanke, er hätte uns erwischt und einen Warnschuss abgegeben. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schnell ich wieder drüben an meiner Hängematte war. Es dauert eine Weile bis ich einschlafe. Auf die Hitze des vergangenen Tages folgt eine eisige Kälte. Ich wusste gar nicht, dass es auf dem Amazonas so kalt werden kann. Ich friere und es zieht an allen erdenklichen Körperstellen, von den Moskitos ganz zu schweigen! Am Ende muss Tobi mich sogar in die Rettungsdecke einpacken. Für die nächste Nacht nehme ich mir vor, mich wärmer anzuziehen. Ich merke noch, dass das Schiff an einem Hafen anlegt, als ich endlich in einen tiefen Schlaf falle.

Das Gefühl von purem Glück

Die Sonne kitzelt leicht auf meiner Nase, ich werde wach und öffne die Augen. Eingemummelt in meiner Hängematte liegend, schaue ich mich um. Der Himmel ist rosa, das Wasser funkelt im Morgengrauen. Die anderen auf dem Schiff schlafen noch und wir stehen an dem Hafen, den wir in der Nacht angefahren haben. Der Motor ist aus. Verschlafen wackele ich vorsichtig zur Reling, um den Sonnenaufgang zu sehen. Das kleine peruanische Dorf am Ufer des Amazonas schläft ebenfalls noch und kurzzeitig habe ich das Gefühl, ich träume. Dieser Anblick kann doch nicht real sein! Bin ich wirklich hier? All diese alten, hölzernen Hütten auf Stelzen, die kleinen Fischerboote, alles sieht aus wie im Film. Kurze Zeit später steht Tobi neben mir. Das Dorf erwacht zum Leben, nach und nach kommen Fischer aus ihren Häusern und laufen zu ihren Booten. Schlagartig wird es lauter, der Motor des Frachtschiffes heult auf und wir setzen unsere Fahrt fort.

Sonnenaufgang irgendwo in Peru

Tobi kommt mit strahlendem Gesicht zu mir und erzählt mir, er hätte Delfine gesehen. Als ich schließlich auch einen Blick über das Wasser schweifen lasse, springen tatsächlich mehrere Rosafarbene Delfine neben dem Frachtschiff aus dem Wasser. Wahnsinn, Delfine im Amazonas. Das glaubt mir doch niemand! Ein Erlebnis, das nur Tobi und ich teilen, denn die anderen liegen immernoch in ihren Hängematten und haben von den Delfinen nichts mitbekommen. Ein junger Mann geht mit einem Tablett über das Deck, verteilt das Frühstück und ruft „Desayunoooo“. Ich lege mich zurück in meine Hängematte und genieße den Trubel. Es ist real. Ich bin wirklich hier.

Ich fühle mich super auf dem Schiff
Es sieht alles aus, wie im Film

Nach dem Frühstück checkt Tobi via GPS unseren Standort und uns trifft der Schock. Wir sind über Nacht sage und schreibe 80km weit gekommen. Wir dürften kurz hinter Loma Linda sein. Das ist das kleine Amazonas-Dorf, wo wir Tage zuvor schon im Dschungel übernachteten. Mit dem Speedboot brauchten wir bis hierher gerade einmal zwei Stunden. Mit unserem Amazonas Frachtschiff sind wir nun schon Zwölf Stunden unterwegs.

Die Aussicht vom Frachtschiff auf die umliegenden Dörfer ist ein Traum

Uhrzeit? Egal.

So langweilig es auch klingen mag, aber während der Fahrt machen wir nicht besonders viel. Wir lesen, schlafen, essen, reden, essen, schlafen. Eigentlich habe ich mir vorgenommen, sämtliche Blogbeiträge nachzuholen, aber ich denke nicht ein einziges Mal daran, meinen Laptop herauszunehmen. Die meiste Zeit verbringen wir in unseren Hängematten und schauen auf das Ufer, das im Schneckentempo an uns vorbei zieht. Ab und zu kommt ein kleines Dorf, die Kinder rennen zum Fluss und winken. Für sie muss es jedes Mal ein Highlight sein, wenn das alte Frachtschiff auf dem Amazonas an ihren Hütten vorbeikommt. Nach einigen Stopps füllt sich das Deck im Laufe des Tages mit mehr und mehr bunten Hängematten und es entsteht ein ganz schönes Treiben auf dem Schiff.

viele Hängematten auf dem Frachtschiff auf dem Amazonas

Doch nicht nur Menschen und Produkte schippern mit dem Frachtschiff auf dem Amazonas. Unter uns befinden sich zeitweise auch Schafe, Ziegen und eine Kuh, die jeweils mit dem Beiboot an Bord gebracht werden. Die Einheimischen schauen Videos, singen Lieder oder winken in unsere Kamera, wenn wir gerade Fotos machen. Es ist ein absolutes Fest und mir ist zu keiner Zeit langweilig. Nach Sonnenuntergang wird es wieder ruhiger, das Licht an Deck erlischt und die Hängematte schaukelt mich tiefenentspannt in den Schlaf.

Beladung des Frachtschiffes
Tiere werden auch transportiert
Die Menschen posieren sogar fuer unsere Kamera

Frachtschiff auf geheimer Mission

Am nächsten Morgen werde ich von einem jungen Mann geweckt, der mir einen Teller Suppe in die Hängematte hinhält. „Desayuno?“. Uff. Da habe ich glatt den Sonnenaufgang verpennt. Am Abend sollen wir in Iquitos ankommen, die restlichen Stunden bis zur Ankunft sollen jedoch in ewiger Erinnerung bleiben. Ihr erinnert euch an den Mann mit der Waffe und dem vermeintlichen Schuss am ersten Abend? Here we go. Als ich um die Mittagszeit erneut nach vorne zur Toilette laufen will, werde ich von einem Mann aufgehalten. „Du darfst nicht hier sein, geh zurück“ gibt er mir zu verstehen. Ich sehe seine Waffe, frage ihn nach dem Grund und erkläre, dass ich lediglich zum WC möchte. Dann sehe ich, dass der Zugang zu unserem Deck mit einem Gitter und einem Vorhängeschloss verriegelt ist. Vorne stehen mehrere Männer in Militärkleidung, die mit ihren Waffen nach vorne zielen. „Zu gefährlich, geh zurück.“ Seine Antwort lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Wie ein verschrecktes Reh drehe ich um und erzähle Tobi von meinem skurrilen Klo-Erlebnis. Zuerst mag er mir die Story nicht ganz abkaufen, bis ein Schuss fällt. Und noch einer. Und noch einer. In sicherer Entfernung fährt ein kleines Fischerboot vorbei. Wir tippen auf Piraten, die das Militär auf unserem Schiff mit ihren Schüssen warnen möchte. Was wir wohl noch so für „Wertgegenstände“ mit uns über den Amazonas schippern? Auch wenn zwischenzeitlich bestimmt irgendwann wieder „reine Luft“ ist, beschließe ich für die restliche Zeit bis zur Ankunft, einfach nicht mehr auf die Toilette zu gehen und es auszusitzen.

Schusswaffe
Fischerboote fahren am Frachtschiff auf dem Amazonasvorbei

Kurz vor Sonnenuntergang fährt das Frachtschiff in den Hafen von Iquitos ein. Wir und 4 weitere Backpacker verlassen das Schiff als letztes. Gemeinsam teilen wir uns ein Tuk-Tuk zum Hostel. Schweren Herzens drehe ich mich noch einmal um und blicke zurück auf die letzten zwei Tage. Zwei Tage mit dem Frachtschiff auf dem Amazonas, fern ab von jeglicher Zivilisation, kein Internet. Nur wir, unsere Hängematte und dem Gefühl von purer Vollkommenheit.

der Hafen von Iquitos

Fazit

Im Nachhinein würde ich jedem empfehlen, ebenfalls das oberste Deck aufzusuchen, alleine schon der Aussichtwegen und dem unglaublichen Sternenhimmel in der Nacht. Das Essen war eigentlich wirklich gut, ich musste allerdings als Vegetarierin einige Abstriche machen. Leider wurde ich auch mehrmals Zeuge davon, wie die Styropor und Pappteller nach dem Essen im Wasser landeten. Ich muss ehrlich sein, eigentlich wollte ich dort gar nicht hin. Während meiner Reise durch Kolumbien hatte ich so viel Pech, dass ich wirklich genug von diesem Land hatte und mich darauf freute, endlich etwas anderes sehen zu können. Es war Tobi, der mich letztendlich davon überzeugte, ihm zuliebe ließ ich mich auf das Abenteuer ein. Zum Glück! Ich kann es nicht in Worte fassen, aber der Amazonas machte etwas mit mir. Zum ersten Mal auf dieser Reise hatte ich das Gefühl, mit mir selbst im Reinen zu sein, ich war die entspannteste Person auf dem Planeten. Die Zeit an diesem Fluss war kurz. Aber sie zählt definitiv zu meinen Highlights der gesamten Reise durch Südamerika!

Kosten für das Frachtschiff

Kosten 2 Tage Frachtschiff auf dem Amazonas von Santa Maria nach Iquitos: 70 Pesos pro Person inkl. Verpflegung

Du hast noch nicht genug? Lese hier den ersten Teil meines Amazonas-Abenteuers.

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Seit Oktober 2017 in der Welt zu Hause. Ich berichte auf diesem Reiseblog über meine ganz persönlichen Erfahrungen, was mich bewegt und gebe dir Tipps für deine eigene Planung. Emotional und echt – stets mit dem Herzen auf der Zunge. Ich freue mich, dass du hier bist.

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