10 Jahre freigereist: Kleine Zeitreise und große Neuigkeiten

15. April 2016. Irgendwo in Hessen sitzt eine junge Frau aufgeregt vor ihrem Laptop. Ihr Herz klopft ihr bis zum Hals, als sie mit der Maus über den Button mit dem kleinen Wörtchen „veröffentlichen“ geht. Sie drückt die linke Maustaste und starrt auf die Worte, die ihr anschließend entgegenspringen.

»Deine Website wurde veröffentlicht.«

Kurze Stille füllt den Raum, der in den letzten Sekunden etwas enger geworden zu sein scheint. Gerade ist ein neuer Reiseblog online gegangen. Seine leeren Seiten bereit, mit Worten und Bildern bestückt zu werden.

Die junge Frau mit den schweißnassen Händen, die im April 2016 so gebannt vor ihrem Bildschirm saß, war ich. Sie hatte keine Ahnung, dass sie die eben veröffentlichte Website 10 Jahre später noch immer mit ihren Gedanken und Texten füllen würde.

Ein ganzes Jahrzehnt.

Mehr als 40 verschiedene Länder,
über 130 Blogartikel,
und 2.500 Bilder.

Und deshalb wird es heute mal wieder Zeit für einen persönlichen Blogpost. Denn neben des Jubiläums gibt es große Neuigkeiten, die freigereist nachhaltig verändern werden und die ich euch nicht vorenthalten möchte. Doch zuvor begeben wir uns in eine kleine Zeitkapsel und schauen uns die letzten Jahre gemeinsam an. Zugegeben, kein Text dieser Welt könnte all die Eindrücke und Geschehnisse der letzten Jahre zusammenfassen, aber ich möchte es dennoch versuchen.

2016: Der Beginn einer kreativen Ära

Einige Leser unter euch verfolgen meine (persönliche) Reise hier schon von Beginn an, was ich total krass finde, wenn man bedenkt, wie lange dieser Reiseblog schon besteht. Diese Website hier ist mein Baby, meine persönliche kleine Welt, auf der ich mich so ausdrücken kann, wie ich es möchte. Eine Plattform, um meine wuseligen Gedanken niederzuschreiben, Erlebnisse zu teilen und Menschen mit meinen Worten und Bildern zu inspirieren. Schon 2016, lange vor meinem ersten Youtube-Video und meinem aller ersten Instagram-Post, veröffentlichte ich hier bereits meine ersten Texte. Alles begann mit der Entscheidung, 2017 für ein Work and Travel nach Australien zu gehen.

Jess im Jahr 2016
Jess am Bodensee am 01.10.2016, exakt 365 Tage vor Beginn der Reise nach Australien.

Es war meine erste Fernreise und ich wollte damals alles dokumentieren. Ich wollte andere Menschen mitnehmen auf meine Reise, die viel mehr war, als nur ins Flugzeug zu steigen und schöne Erfahrungen zu sammeln. Es fing schon bei der Vorbereitung an, die exakt 365 Tage dauerte, mit allem was dazu gehörte: Visa, Finanzen, Kündigung von Job und Wohnung, die Aufregung und Vorfreude auf das Unbekannte, vielleicht auch etwas Naivität. Von unterwegs veröffentlichte ich Texte über das Erlebte, sammelte Infos über Orte und Sehenswürdigkeiten und versuchte einen authentischen Einblick in den Reisealltag und meine Gefühlswelt zu bieten.

Gemeinsam erlebten wir in meinen Berichten die schönsten Glücksmomente, die verrücktesten Begegnungen, aber auch die krassesten Herausforderungen. So wie damals, als in Australien an der Ostküste bei einem Autoeinbruch mein kompletter Rucksack samt Laptop und Festplatten gestohlen wurde. Ich kann nur von Glück reden, auf diesem Blog bereits alles bis dato festgehalten zu haben, denn all meine Bilder und Videos waren plötzlich weg.

Erinnerungen

Und damit kommen wir zu einem Punkt, der für mich einer der Hauptgründe dafür ist, wieso ich meine Reisen bis heute auf sämtlichen Social Media Plattformen festhalte: Erinnerungen. Ob wir wollen oder nicht, aber Erinnerungen verblassen mit der Zeit. Ich gebe es zu: Wahrscheinlich bin ich die größte Konsumentin meiner eigenen Inhalte. Ich scrolle gerne durch meinen Instagram-Feed und schaue mir alte Fotos an. Ich lese Blogbeiträge aus vergangenen Tagen und schwelge mit alten Youtube-Videos in Erinnerungen, die ich so sonst wahrscheinlich nicht mehr in dieser Art hätte. Ich mag dafür belächelt werden, aber im Grunde ist es doch nichts anderes als das Fotobuch zuhause. Nur eben in digitaler Form und auf meine eigene, kreative Art und Weise.

Darin sehe ich nicht nur, wie sich die bereisten Orte mit der Zeit verändert haben, sondern auch meine eigene Entwicklung: von einer naiven, abenteuerlustigen Backpackerin zu einer bewussten Reisenden. Von Fotos und Videos mit viel zu übertriebener Bearbeitung zu mehr Natürlichkeit und Liebe zum Detail. Und von Texten mit belanglosen 0815-Reiseblog-Floskeln hin zu Artikeln, die einen Mehrwert bieten und wirklich das wiederspiegeln, was die Orte und ihre Menschen verdient haben.

Dabei war es mir immer wichtig, mit meinen Lesern auf Augenhöhe zu sein. Dass meine persönliche Meinung und meine Erfahrungen von äußeren Einflüssen unberührt bleiben. Das bedeutet, Kooperationen mit Werbepartnern nur dann anzunehmen, wenn ich von deren Konzept selbst überzeugt bin und die Werbung auf ein Minimum zu halten. Schließlich sollen meine Beiträge einen Mehrwert bieten, und das geht nur, wenn man mir vertrauen kann.

2019: Von Jesterontour zu freigereist

Die Ur-Leser von euch werden sich vielleicht noch dunkel erinnern: Zu Beginn lief der Blog noch unter dem Namen Jesterontour, eine Zusammensetzung meines Namens mit dem meines Ex-Partners. Nach der Trennung musste natürlich ein neuer Name her. Ich wollte allerdings nicht irgendeinen Namen, sondern einen, der wirklich zu mir, meiner Geschichte und meinen Reisen passte. Viele meiner Überlegungen waren bereits an andere Blogger vergeben, und egal wie sehr ich mich anstrengte, mir wollte einfach nichts einfallen. So verstrich Monat für Monat ins Land. Bis ich schließlich nach über einem Jahr (!) Brainstorming in Portugal am Strand saß, nichtsahnend in meiner Müslischüssel herumstocherte und mich mit meinem neuen Partner Tobi über das unbeschwerte Gefühl von Freiheit unterhielt, das mich nicht nur in diesem Moment umhüllte, sondern längst ein gegenwärtiger Bestandteil meiner Reisen geworden war.

Ein Strand an der Algarve in Portugal
Dieser Strand war die Geburtsstunde von freigereist.

»Ist halt wirklich so«, sagte ich zu ihm, »… ich hab mich mit der Zeit irgendwie freigereist…«

Dann machte es klick.

freigereist.

Ein neuer Name war gefunden, und er hätte nicht passender sein können.

2021: Reise zu mir selbst

Die für mich wahrscheinlich prägendste Reise war die Radtour um Island in 2021. So wirklich habe ich immer noch keine Ahnung, was mich zu dieser Entscheidung geritten hat. Denn wenn es ein Fortbewegungsmittel gibt, um das ich einen großen Bogen mache, dann ist es das Fahrrad. Dennoch schaffte ich es irgendwie, mich gemeinsam mit Tobi Kilometer für Kilometer um diese Insel zu quälen, und lernte diese neue Art des langsamen Reisens so richtig lieben.

Mit dem Fahrrad um Island
Jess und Tobi mit ihren Fahrrädern auf Island.

Mit der Ankunft am Ziel war die Reise nicht vorbei, denn selbst im Nachhinein musste ich über meine Grenzen gehen. Da gab es noch einen zweiten Punkt, den ich neben dem Fahrradfahren bis dato gekonnt zu vermeiden versuchte: vor Menschen zu sprechen. Mit der Veröffentlichung meines Buches „Gegenwind – Mit dem Fahrrad zwischen Feuer und Eis“ stand ich plötzlich vor Menschen, die an mir und meiner Geschichte interessiert waren. Nicht mehr nur digital, sondern in einem realen Raum. Uff! Aber ich merkte schnell, dass ich es irgendwie doch ganz cool fand, wenn es kein langweiliges Physik-Referat, sondern eine echte Geschichte war, über die ich sprechen durfte. Meine Geschichte. Heute halte ich Vorträge in ganz Deutschland und könnte stolzer nicht sein. So schnell kann eine einzige Reise, von der du niemals dachtest, sie irgendwann einmal zu machen, deine Perspektive ändern.

Jessica Zenner auf ihrem Reisevortrag "Gegenwind - Mit dem Fahrrad zwischen Feuer und Eis"
Bei einem Vortrag in der Hochschule Stralsund.

Reisen neu definiert

Dann folgten ein Auslandssemester in den USA und eine darauffolgende Reise mit den Öffis durch Mexiko und Zentralamerika. Nicht nur der Name meines Blogs änderte sich mit der Zeit, sondern auch mein Reisestil. Es fühlte sich nicht mehr richtig an, Sehenswürdigkeiten und bekannten Fotomotiven hinterherzujagen. Denn je länger ich unterwegs war, umso wichtiger wurden andere Dinge für mich: die Geschichten hinter den Orten, die ich besuchte, die Menschen und ihre Sichtweisen, ihre Erfahrungen und Werte. Länger vor Ort zu bleiben und die Länder als ganzes kennenzulernen, mit den Einheimischen ins Gespräch zu kommen, die Natur zu erleben.

Selfie mit unseren Gastgebern
Mit Einheimischen ins Gespräch kommen und voneinander lernen.

Der Weg dahin war hart, denn das bedeutete auch, meine eigenen Taten zu hinterfragen und mir meiner Privilegien als Reisende bewusst zu werden. Genauer hinzusehen, die Ignoranz abzulegen und der Tatsache ins Auge zu blicken, dass längst nicht alles immer so schön und toll ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Dinge, die zuvor selbstverständlich für mich waren, waren es plötzlich nicht mehr. Was bedeutet es, verantwortungsvoll zu reisen, und ist es überhaupt möglich? Zeitweise versteifte ich mich richtig auf den Gedanken, alles richtig machen zu wollen. So sehr, dass ich mich selbst darin verlor. Mittlerweile weiß ich jedoch: Es ging nie um Perfektion, sondern um Bewusstsein. Und so definierte ich das Reisen für mich neu. Gar nicht bewusst, aber von Zeit zu Zeit.

2023-2024: Housesitting

Nach der Zentralamerikareise ging es für uns in die Schweiz, wo wir nach einiger Zeit das Housesitting für uns entdeckten. Für mich ist es nach wie vor eine absolut geniale Art, neue Orte kennenzulernen, mit Menschen in Kontakt zu kommen und selbst wie die Einheimischen vor Ort zu leben. Mehr local geht eigentlich gar nicht! Und im besten Fall hat man danach einen pelzigen neuen Freund. So lebten wir fast zwei Jahre mietfrei, indem wir von Housesit zu Housesit wechselten und konnten dabei in das Lokale Leben von Städten wie Zürich, Basel, Luzern, Genf und Bern eintauchen.

Haussitting: Jess spielt im Garten mit Corgis
Housesitting ist eine coole Art, unterwegs Geld zu sparen und das lokale Leben kennenzulernen.

2024: Noch ein letztes Mal

Doch so langsam wuchs die Sehnsucht nach einer kleinen Base. Mit eigenem Bett und Kleiderschrank, einer eigenen Küche mit eigenen Gewürzen und einem eigenen Arbeitsplatz.

»Lass noch eine letzte Reise machen, dann suchen wir uns eine Wohnung.«

Gesagt, getan.

Wie es das Schicksal wollte, ergab sich ein Projekt, dass es uns ermöglichte, noch einmal in Richtung Asien loszuziehen. Es führte uns auf eine Reise von Süd- nach Nordindien. Wir starteten mit guten Intensionen, allerdings war das Projekt eher Schein als Sein, sodass ich hier nicht weiter darauf eingehen möchte. Nach dessen Abschluss verblieben wir noch einige Monate in Asien. Ich machte meinen Divemaster in Thailand, wir feierten unsere Verlobung, reisten mit den Öffis bis nach Singapur und tauchten durch die schönsten Korallenriffe Indonesiens.

Stumm auf Koh Tao
Wir verbrachten 3 Monate auf der Insel Koh Tao.

Bis ich Tobi schließlich dorthin brachte, wo für mich 2017 alles begann: Australien.

Natürlich freute ich mich wie ein Honigkuchenpferd. Aber irgendwas war dieses mal anders. Ich kann gar nicht so genau sagen warum, aber die Zeit in Australien fühlte sich für mich mehr wie ein Abschied an. Als würde ich einen alten Freund besuchen, wohlwissend, dass wir uns auseinander gelebt hatten. Ich war älter geworden, keine Frage. Zum ersten mal war es, als seien wir zur falschen Zeit am falschen Ort. Nachdem wir von Sydney bis Perth gefahren waren, trafen wir eine Bauchentscheidung. Wir folgten unserer Intuition und verließen Australien. Die Westküste würde warten müssen.

Jess und Tobi im Kayak vor dem Opera House in Sydney
Vor dem Opera House in Sydney.

Wind der Veränderung

Im Frühsommer 2025 war es dann soweit. Wir waren schon oft von unseren Reisen zurückgekommen, aber dieses mal war es anders. Auch wenn wir uns zunächst mit weiteren Housesits die Zeit vertrieben und durch Europa reisten, suchten wir parallel nach der Basis, nach der ich mich schon so lange sehnte. Wir feierten unsere Hochzeit im Kreise unserer Liebsten und verbrachten unsere Flitterwochen spontan in der Toskana. Von dieser Reise kamen wir allerdings nicht mehr alleine zurück. Mit im Gepäck: ganz viel Liebe im Bauch.

Richtig gelesen, es wird ein Reisebaby geben.

Jess schwanger Babybauch

Es weht also kräftiger Wind der Veränderung durch unser Leben. Wir wissen, dass unsere künftige kleine Reisebegleitung noch so einiges aufwirbeln wird und dass da noch so einiges auf uns zukommen wird. Aber wer uns kennt, der weiß: von Sätzen wie »wenn das Baby erstmal da ist, könnt ihr das Reisen an den Nagel hängen« halten wir absolut gar nichts. Denn hätte ich auf jene Leute gehört, die solche Sätze sagen, gäbe es diesen Reiseblog schon lange nicht mehr und wir würden heute nicht mein 10 jähriges Jubiläum feiern.

Ja, wir werden neue Wege einschlagen müssen. Freigereist wird sich erneut verändern. Aber das ist gut, denn wenn ich in den letzten 10 Jahren eines gelernt habe, dann das: Wenn Neues entsteht, kann man daran nur wachsen.

Also, was geht? Seid ihr bereit für das nächste Jahrzehnt?

1 comment

  1. Liebe Jessi,
    meine Güte – 10 Jahre, wo bleibt die Zeit…. Ich freue mich immer von Euch zu lesen und gratuliere zur Hochzeit (etwas spät, sorry) und dann noch Nachwuchs, suuper!!!! Sporadisch bekomme ich über Malte immer mal etwas von Euch mit und freue mich die nächste Folge Podcast von Euch zu hören. Natürlich fühle ich mit Euren Eltern, die bald Großeltern sein werden.
    Wir sind es nun schon 3x bei Malte´s Bruder, der ca. 45 Autominuten weit weg wohnt. Das ist echt weit…. 🙂 Höchststrafe für Großeltern, immer im Bewusstsein das unser Leben endlich ist!
    Aber wenn wir uns sehen, hüpft das Herz :-))))
    Malte kommt Mitte Mai nach Deutschland. Darauf freuen wir uns schon sehr! Im Herbst vermutlich auch mit seiner Monchi, die dann seine Heimat erleben wird.
    Ich wünsche Euch alles Liebe und bin gespannt auf Eure Reisen zu 3. – herzliche Umarmung von Heidi

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