Manchmal habe ich das Gefühl, als drehe sich unsere Welt immer schneller. Wir wollen immer höher hinaus, beeindruckende Dinge erleben und dabei so viele Erfahrungen wie möglich sammeln. Wir wollen spannende Geschichten erzählen und dabei immer Up-to-Date sein. Die schönsten Momente auf Reisen sind schnell wieder vergessen, weil man schon den nächsten hinterher jagt. Auch ich bin 2017 losgezogen und wollte so viel wie möglich sehen. Irgendwann merkte ich, dass das unheimlich stressig und ermüdend ist. Ich konnte mich mit der Schnelligkeit um mich herum nicht mehr identifizieren und sehnte mich nach einem langsameren, bewussteren Reisealltag. Mit der Zeit veränderten sich meine Prioritäten, und mein Reisestil wandelte sich von Fast – zu Slow Travel. Doch was ist Slow Travel überhaupt und wie funktioniert es?
In diesem Artikel versuche ich, Licht ins Dunkle zu bringen und zu zeigen, was es bedeutet, welche Vorteile es bringt und wie du Slow Travel in deinen Reisealltag integrieren kannst.
Was versteht man unter Slow Travel?
Per Definition versteht man unter Slow Travel das langsame und bewusste Reisen. Es bedeutet, die Dinge in der richtigen Geschwindigkeit zu tun, die Einstellung zur Zeit und zu ihrer Nutzung zu ändern und Qualität über Quantität zu stellen [1]. Damit steht es im Gegenzug zum Massentourismus. Es geht darum, das Reiseland bewusster und intensiver wahrzunehmen. Langsamkeit, Nachhaltigkeit, Sinnhaftigkeit sowie ein authentisches Reiseerlebnis stehen hierbei im Mittelpunkt der Reise. Anstatt also eine Sehenswürdigkeit nach der anderen abzuhaken und so viel wie möglich zu sehen und zu unternehmen, geht es beim Slow Travel darum, sich Zeit zu nehmen, um die Menschen und die Kultur eines Landes kennenzulernen.
Es ist ein aufstrebender Reisestil, der immer mehr Beliebtheit gewinnt. Und das ist wichtig so, denn er bildet eine fundamentale Säule für den nachhaltigen Tourismus. Bei Slow Travel liegt der Fokus primär auf Individualität und darauf, wie du deinen Urlaub oder deine Reise gestalten möchtest, unabhängig von der gesellschaftlichen Erwartung oder von dem, was auf den sozialen Medien gut ankommt.

Der Ursprung der Slow Travel Bewegung
Auch wenn der Begriff selbst noch recht jung ist, geht der Ursprung des langsamen Reisens etwas weiter zurück. Es entstand aus der „Slow-Bewegung“, die sich durch die Philosophie des „Slow Food“ entwickelte [2]. Diese wurde bereits 1989 gegründet, inspiriert vom Schriftsteller Carlo Petrini, als Antwort auf die „McDonaldisierung des Essens“ [3]. Damit sollte dem Fast Food und dem schnellen Leben, dem Verschwinden lokaler Lebensmitteltraditionen und dem schwindenden Interesse an den Lebensmitteln und ihrer Herkunft, ihrem Geschmack und ihrer Wirkung auf den Rest der Welt entgegenzuwirken [4].
Slow Travel – ein Beispiel
Der Begriff (Slow = Langsam) verrät, dass die Reisegeschwindigkeit von hoher Bedeutung ist. Allerdings beschäftigt sich Slow Travel nicht damit, wie lange du brauchst, um an einem Ort zu kommen. Oft ist der Weg das Ziel und es geht vielmehr darum, was du aus deiner Reise mitnehmen kannst. So kann ein Erlebnis in einem kleinen unbekannten Dorf zum Beispiel viel eher in Erinnerung bleiben als der Besuch einer Sehenswürdigkeit in einer Mega-Metropole.
Ich bringe immer wieder gerne das Beispiel meiner Begegnung mit Elena und ihrem Mann in San Juan, Guatemala an. Wir verbrachten mehrere Abende, indem Elena mit uns traditionelle Gerichte kochte und wir beim Abendessen stundenlang im Keller ihres Hauses saßen und uns über Gott und die Welt unterhielten. Wenn ich an unsere Zeit dort zurückdenke, dann kommt mir sofort das Bild von uns in der Küche in den Kopf. Der bei Touristen und Backpackern beliebte und wunderschöne Lago de Atitlán, an welchem wir uns befanden, ist in meiner Erinnerung eher nebensächlich. Das bedeutet nicht, dass man keine Sehenswürdigkeiten mehr besuchen sollte. Slow Travel bedeutet aber auch abseits der bekannten Sehenswürdigkeiten offen für authentische Erlebnisse zu sein.

Das Phänomen der Reisemüdigkeit
Kennst du das? Du fliegst voller Vorfreude in deinen wohlverdienten Urlaub oder startest auf deine nächste Reise. Vor Ort kannst du es gar nicht erwarten, endlich loszulegen alles zu entdecken, was das Reiseziel hergibt. Du besuchst Sehenswürdigkeiten, gehst Essen, nimmst an Touren teil und gehst abends vielleicht noch in eine Bar, bevor es am nächsten Tag weiter geht. Das nächste Highlight wartet ja bereits. Doch nach ein paar Tagen oder sogar Wochen bekommst du das Gefühl, dass du irgendwie nicht abschalten kannst. Du bist müde und kannst das Erlebte gar nicht mehr so richtig genießen, doch du verstehst nicht so ganz, warum eigentlich. Schließlich ist doch alles gut, oder nicht?

Sind wir mal ehrlich: Jeder, der länger unterwegs ist kommt früher oder später an den Punkt, an dem man das Gefühl hat, müde zu sein. Diese sogenannte „Reisemüdigkeit“ ist ein allseits bekanntes Phänomen. Und es ist auch kein Wunder, schließlich bekommen wir auf Reisen unendlich viele Sinneseindrücke in möglichst kurzer Zeit. Immer wieder neuen Input und Erlebnisse, die unser Kopf verarbeiten muss. Unser Körper hüpft von A nach B, doch unsere Seele kommt gar nicht richtig hinterher. Da ist es klar, dass wir uns irgendwann völlig ausgelaugt fühlen. Wir scheinen es verlernt zu haben „abzuschalten“. Aufgrund unserer rapiden gesellschaftlichen Entwicklung zu mehr Schnelligkeit und Effizienz fällt es uns schwer, uns nur auf eine Sache zu konzentrieren und die Details wahrzunehmen. Tatsächlich kommt jeder Vierte nicht oder nur unzureichend erholt aus seinem Urlaub oder von seiner Reise zurück [5]. Doch niemand sollte sich nach dem Urlaub oder einer Reise erschöpfter fühlen als zuvor.
Welche Vorteile hat Slow Travel?
- Du tauchst tiefer in das Land und dessen Kultur ein und lernst es besser kennen (du hast im Nachhinein das Gefühl, wirklich dort gewesen zu sein).
- Du bekommst ein Gefühl für die kleinen Dinge am Wegesrand.
- Du bewegst dich abseits des Massentourismus und kannst Entscheidungen individuell treffen.
- Du beugst Reisemüdigkeit vor und fühlst dich weniger gestresst (du brauchst keinen Urlaub vom Urlaub/Reisen).
- Du unterstützt Einheimische, z.B. durch die Buchung eines Homestays oder lokale Aktivitäten.
- Du kommst in direkten Kontakt mit Einheimischen. Während du etwas von ihnen lernen kannst, bewahrst du ihre Bräuche, Werte und Kultur durch gegenseitige Wertschätzung. So erweiterst du deinen Horizont.
- Du bist nachhaltiger und schonender unterwegs und schützt dadurch Natur, Mensch und Umwelt.
- Du sammelst intensivere Erfahrungen, an die du dich Jahre später noch gut erinnerst.
Slow Travel – wie geht das?
Jetzt wirst du dir vielleicht denken „alles schön und gut, aber ich habe im Urlaub gar nicht so viel Zeit, um langsam zu Reisen“. Da sage ich klar: doch! Das Gute ist, dass sich Slow Travel in nahezu allen Bereichen realisieren lässt: egal ob bei Reisen im Luxus- so wie im Low-Budget-Segment, Natururlaub und Städtetrips, private Reisen und im Rahmen geschäftlicher Anlässe. Dabei ist jedoch nichts in Stein gemeißelt. Natürlich ist es möglich, Slow Travel mit Teilen des klassischen Tourismus zu verbinden. Das ist sogar wichtig und im richtigen Maße gesund für die lokale Wirtschaft und dein eigenes Wohlbefinden.

Für mich persönlich bedeutet Slow Travel auch, dass die Wahl des Reisemittels in Relation zur Reisezeit steht. Ist eine Flugreise nötig, um an das gewünschte Reiseziel zu kommen, so schaue ich, dass ich möglichst lange an diesem Ort bleibe. Für eine Woche mal eben zum Vergnügen nach New York fliegen – früher hätte ich das vielleicht getan, aber heute würde ich so etwas schlichtweg nicht mehr machen. Nicht nur, dass die Emissionen im Verhältnis zur am Reiseziel verbrachten Zeit viel zu hoch sind, man verbringt auch zu viel Zeit mit der An- und Abreise, welche man bei einer kürzeren Reisestrecke besser nutzen könnte. Dazu kommt der unliebsame Jetlag bei Flugreisen auf längeren Distanzen zwischen verschiedene Zeitzonen [6]. Dabei kann man jedoch schon einen Kurzurlaub mit intensiven Reiseerlebnissen füllen. So kann man zum Beispiel weniger Stopps einplanen, diese dafür aber länger und bewusster entdecken.
Das bedeutet allerdings nicht, auf irgendetwas verzichten zu müssen. Ganz im Gegenteil: durch das langsame und bewusste Reisen gewinnst du so viel mehr dazu! Wir reisen mit dem Gedanken „nichts verpassen zu wollen“. Aber passiert genau genommen nicht genau das? Wie viele Details und kleine Dinge am Wegesrand übersehen wir, wie viele Gelegenheiten zum wertvollen Austausch mit Einheimischen und anderen Reisenden verpassen wir, wenn wir zu schnell unterwegs sind und alles im Blick haben wollen? Was sehen wir wirklich, wenn wir alles sehen wollen? Wie viele der Erlebnisse bleiben wirklich hängen, welche tragen wir nach unserer Rückkehr im Herzen?

Tipps für langsames und bewusstes Reisen
Nachfolgend habe ich dir aus meiner eigenen Erfahrung ein paar nützliche Tipps zusammengefasst, welche du anwenden kannst, um Slow Travel auch für dich zu entdecken:
- Vorbereitung ist gut, Flexibilität ist besser: Plane gerne im voraus, welche Sehenswürdigkeiten und Orte du sehen möchtest, aber lasse dir genug Freiraum für Spontanität und Pausen.
- Hab bei der Planung immer die Anreise in Relation zur am Zielort verbrachten Zeit im Auge und wäge für dich ab, ob sich das lohnt.
- Versuche, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Mach dich mit den Grundvokabeln der Landessprache vertraut.
- Mache eine Pause und bleibe ein paar Tage an einem Ort, wenn du unterwegs das Gefühl hast, ausgelaugt oder gestresst zu sein.
- Lege deinen Fokus auf das sammeln von Momenten statt Sehenswürdigkeiten – und du wirst zuhause viel spannendere Geschichten erzählen können.
Und denke immer daran, die Devise von Slow Travel ist: Alles kann, nichts muss. Setze dir keine festen Ziele, sondern lasse dich von deinem Instinkt treiben. Du wirst überrascht sein, wie gut er dich führen kann.
Slow Travel ist eine Form des Reisens, an der jeder teilnehmen kann, unabhängig von bestimmten Mindsets oder vorgegebenen Lebensstilen. Probiere es doch einmal aus.
Quellen
[1] & [3] vgl. Dickinson, J.E., Lumsdon, L., Robbins, D. 2011 Slow travel: issues for tourism and climate change. Journal of Sustainable Tourism, 19(3), 281-300.
[2] vgl. Moira, Mylonopoulos, und Kondoudaki, „The Application of Slow Movement to Tourism: Is Slow Tourism a New Paradigm?“ in Journal of Tourism and Leisure Studies.
[4] Heitmann, Robinson, und Povey, „Slow Food, Slow Cities and Slow Tourism.“
[5] vgl. Herrmann, HP., Wetzel, P. (2018). Trotz Urlaub erschöpft. In: Fernweh und Reiselust – Streifzüge durch die Tourismuspsychologie. Springer, Berlin, Heidelberg.
[6] Flower, Irvine, und Folkard, „Perception and predictability of travel fatigue after long-haul flights“.