„Look! Right there!“ – ruft der Kapitän über das Schiff. Alle rennen zum Heck des Schiffes um zu sehen, was er meint. Einige Sekunden lang passiert gar nichts. Plötzlich schießt in 50 Metern Entfernung ein riesiger Buckelwal aus dem Wasser, zeigt sich einmal von allen Seiten und landet mit einem lauten „Splooooosh“ auf dem Rücken. Wir zücken die Kamera, um diesen einzigartigen Moment festzuhalten – dann fallen die Kinnladen nach unten: keine Speicherkarte. Die kuschelt wohl auf dem Campingplatz mit meinen Tabletten gegen Seekrankheit, die ich ebenfalls liegen gelassen habe. Was ein kack-Tag!
Was vorher geschah
Zugegeben, die ganze Reiseplanung richtete sich danach, dass wir es schaffen auf jeden Fall im Juni in Exmouth zu sein. Zwischen Juni und August wird die Küste des Ningaloo Reefs von ganz besonderen Tieren besucht: Walhaie! Das Schwimmen mit diesen Kreaturen ist ein ganz wertvolles Erlebnis und natürlich wollen wir uns das nicht entgehen lassen.
Unsere erste Anlaufstelle in Exmouth ist also das Büro vom Tour-Anbieter Kings. Weil Wochenende und Ferien auf einen Nenner kommen, ist das Schiff ausgebucht. Natürlich. Wir bekommen die letzten zwei Plätze für die Tour am Montag und sind somit gezwungen etwas länger zu bleiben als geplant. Ausgerechnet in DER Stadt, in der es keine kostenlosen Campingmöglichkeiten gibt. Knaller!

Zwischen Glanz und Protz
Wir fahren also los, um uns für die nächsten Tage eine Bleibe zu suchen. Wir fahren einen Campingplatz an, der ohnehin schon unverschämt teuer ist und hören beim Reinkommen ins Office ein fröhliches „oh, da hattet ihr aber Glück, das ist der letzte freie Platz.“ Blöd nur, dass dieser Satz nicht an uns gerichtet ist. Für uns hat die nette Dame an der Rezeption nur noch eine Campingsite mit Aufpreis in der „gehobenen Klasse“. Macht sich super, so ein abgeranzter dreckiger Pajero – auf einer Site zwischen all den glänzenden Luxus – Camperkarren mit Satelitenschüsseln und eigener Toilette, bei denen wir uns nichtmal sicher sind, ob sie die Straße überhaupt schonmal gesehen haben.
Der Tag vor der Tour
Zu unserem Glück müssen wir dort nur eine Nacht verbringen und parken unser Auto am nächsten Morgen gleich auf die „Budget-Sites“ um. Hier reihen wir uns zwischen andere Backpackerkarren ein, was uns gleich ein besseres Gefühl gibt. Es dauert nicht lange, bis wir mit unseren Nachbarn ins Gespräch kommen. Wir unterhalten uns den ganzen Tag und gehen Abends zusammen in eine Bar. Noch ahnen wir nicht, dass genau diese Gruppe uns letztentlich bis nach Darwin begleiten wird.
Da ich was Seekrankheit betrifft ein richtig harter Fall bin, nehme ich um sicher zu gehen schon am Abend eine Tablette, so wie die Frau an der Information es mir empfohlen hat. Die Packung lege ich mir schon für morgen bereit. Wir legen uns ins Bett und versuchen noch etwas Schlaf zu bekommen.
Gehts noch stressiger?
Der Morgen verläuft alles Andere als ruhig. Keine Ahnung, ob es an der Aufregung liegt, aber so wirklich funktionieren will irgendwie gar Nichts. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass wir erst von unserem „Notfallwecker“ (eigentlich zehn Minuten zu spät) wach werden, ist unsere GoPro plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Wir werden in wenigen Stunden mit Walhaien schwimmen und können unsere Kamera nicht finden, Horror! Wärend Peter das ganze Auto auseinander nimmt, sprinte ich hektisch in die Campingküche und klatsche zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster. Passend zum restlichen Morgen müssen wir die Brotscheiben trocken essen – an den Belag haben wir auch nicht gedacht.
Zwei Minuten vor Abfahrt kommt Peter mit gepackten Taschen in die Küche, GoPro ist drin. Uns fällt ein Stein vom Herzen. Was ein Stress! Pünktlich um Sieben fährt der Bus vor. Wir steigen ein und werden direkt von zwei super gelaunten Frauen begrüßt, die offentsichtlich zur Crew gehören. Unsere Laune steigt ein wenig, immerhin haben wir es pünktlich zum Bus geschafft.
Dann erwähnt sie die Tabletten
Auf dem Weg erzählt eins der beiden Mädels Geschichten über die Entstehung Exmouths, wie die Walhaie ihren Weg ins Ningaloo Reef fanden und spricht über allgemein wichtige Dinge wie die vorherige Einnahme der Tabletten gegen Seekrankheit. Die ganze Zeit über nur mit einem Ohr hingehört macht mein Herz bei Letzterem einen Salto. Tabletten. Auf dem Beifahrersitz. Da, wo ich sie gestern EXTRA hingelegt habe, damit ich sie nicht vergessen KANN. Der Gedanke an das, was mir auf dem Schiff bevorsteht, beschehrt mir extreme Schweißausbrüche. Wir haben quasi einen Haufen Geld dafür bezahlt, dass ich meinen Margen mal so richtig entlehren kann. Spitze.
Am Hafen angekommen bitte ich eine fremde Frau um eine Tablette. Ich muss sehr verzweifelt aussehen, denn sie teilt ihre einzige Tablette in zwei Hälften. Diese Frau muss ein Engel sein!
Dann geht es mit einem Miniboot in kleinen Gruppen aufs Schiff. Wir bekommen unser Schnorchel-Equipment ausgeteilt und eine kurze Einweisung, bevor es los geht.

Ningaloo stole our Hearts
Das Riff ist ein wahres Unterwasser Wunderland. Mit über 250 Korallenarten und über 500 verschiedene Fische ist das Ningaloo Reef eins der größten und schönsten Korallenriffe der Welt. Es gibt nur wenige Spots auf der Welt, wo man die großen majestätischen Walhaie beobachten kann. Gerade deswegen ist der Besuch des Riffs ein absoluter Traum von uns. Im Gegensatz zu den anderen Spots auf dem Planeten wird im Ningaloo Reef ganz extrem auf das Wohl der Walhaie geachtet. Ein einziges Schiff darf sich auf maximal 50 Metern nähern und muss eine Fahne sichtbar aufstellen, sodass die anderen Schiffe einen Bogen um das Tier machen. Im Wasser selbst sind pro Hai maximal zehn Menschen erlaubt, die auch einen Sicherheitsabstand von mindestens 3 Metern einhalten müssen, zur Schwanzflosse 4 Meter.
Unser erster Stopp ist schon nach wenigen Minuten. Weil noch kein Walhai gesichtet wurde, dürfen wir jetzt erstmal eine Runde im Ningaloo Reef schnorcheln. Wir sehen hunderte kleine bunte Fische, farbige Korallen und sogar einen kleinen Hai, der sich unter einem Stein versteckt.

Raus aufs offene Meer
Zurück auf dem Schiff geht plötzlich alles ganz schnell. Das Flugzeug, welches zum Spotten der Walhaie eingesetzt wird, hat Etwas entdeckt. Die nächsten Stunden rasen in doppelter Geschwindigkeit an uns vorbei. Das Schiff fegt über die meterhohen Wellen, wir werden hin- und her geschleudert. Ich merke jede Welle in meinem Bauch, das Gefühl der Übelkeit hält sich aber noch dezent zurück. Dann stoppen wir plötzlich.

„Look! Right there!“ – ruft der Kapitän über das Schiff. Alle rennen zum Heck des Schiffes um zu sehen, was er meint. Plötzlich schießt in 50 Metern Entfernung ein riesiger Buckelwal aus dem Wasser, zeigt sich einmal von allen Seiten und landet mit einem lauten „Splooooosh“ auf dem Rücken. Wir zücken die GoPro, um diesen einzigartigen Moment festzuhalten – dann fallen die Kinnladen nach unten: keine Speicherkarte. Die kuschelt wohl auf dem Campingplatz mit meinen Tabletten gegen Seekrankheit. Dabei hat Peter extra noch so lange gesucht! Was ein kack-Tag!


Viel Zeit zum Ärgern bleibt uns allerdings nicht. Wir werden dazu aufgefordert, uns fertig zu machen. Heißt – Wetsuits anziehen, Brille und Schnorchel an den Kopp und Flossen an. Dann heißt es „Jump“, es ertöhnt eine laute Hupe und wir springen ins Wasser. Ich muss mich erstmal sammeln. Ein Blick zurück zeigt, dass das Schiff sich von uns entfernt. „Swim“, „Keep swimming“, „Common Guys“ ruft uns unsere Gruppenleiterin zu. Dann stecken alle den Kopf ins Wasser. Ich tu, was alle tun und schreie auf: der Walhai kommt mit geöffnetem Maul genau auf mich zugeschwommen. Panisch paddel ich auf Seite und komme überhaupt nicht mehr klar.

Du liebe Zeit, ist das Tier gigantisch groß! Nachdem ich mich einigermaßen gesammelt habe wage ich einen weiteren Blick ins Wasser und fang an zu schwimmen, so wie es alle machen. Von Peter habe ich jede Spur verloren, ich erkenne nur Siluetten im Wasser, die allesamt Gas geben, um der Majestät mit den leuchtenden Punkten zu folgen. So auch ich. Unter Wasser steht die Zeit still. Der riesige Fisch schwimmt ganz unbeeindruckt neben uns her, an ihm hängen viele kleinere Fische. Es wirkt, als gäbe es da unten keine Zeit, die abläuft. Oder zumindest drehen die Uhren sich langsamer.

Wirkt aber auch nur so. Denn nach wenigen Minuten ruft unsere Gruppenleiterin zum Rückzug auf. Gut für mich, denn gegen Wellen in tiefen Gewässern zu schwimmen ist nicht gerade meine Lieblingssportart. Salzwasser im Schnorchel ist auch nicht gerade geil, denn natürlich habe ich jede dritte Welle mitgenommen. Angestrengt paddeln wir zum Schiff zurück, wo ich auch Peter wieder finde.

Aus meiner erhofften Verschnaufspause wird dann aber nichts. „Get ready“ ruft der Kapitän gerade einmal 20 Sekunden später. Der nächste Walhai wartet. Die Hupe heult erneut auf und wir springen. Dieses Mal stelle ich mich besser an. Ich stecke meinen Kopf ins Wasser und schwimme. Und schwimme. Dann sehe ich im Augenwinkel den Fotografen und gib Vollgas. Wenn wir schon unsere GoPro nicht dabei haben, dann möchte ich wenigstens ein Foto haben. Ich beginne zu posieren und rege mich über den Idioten auf, der sich neben mir aufs Bild drängt. Was soll der Mist?
Dass dieser Idiot am Ende Peter ist, erfahre ich erst als wir die Bilder bekommen. Er muss ich wohl genauso über mich aufgeregt haben, als ich ihm ins Bild geschwommen bin. Aber letztendlich haben wir so die beste Erinnerung bekommen, die wir uns hätten wünschen können – ein Bild zusammen vor einem Walhai!

Den ganzen „Hopp on – Hopp off“ Prozess macht die Gruppe noch viele weitere Male. Ich steige nach dem fünften Walhai aus. Ich bin kein Profischwimmer, meine Kräfte sind am Ende und ich merke jede Welle. Ich taumel über das Schiff und schaue mich um. Ich bin wohl nicht die Einzige, der die raue See zu schaffen macht. Dafür habe ich wohl verhältnismäßig lange durchgehalten. Als wir zurück ins Riff fahren, nimmt meine Seekrankheit ihren vollen Lauf. Dann wird es wieder ruhiger und mir geht es schlagartig besser. Trotz flauem Margen bekomme ich beim Anblick des Mittagessens Hunger – ein gutes Zeichen. Den letzten Schnorchelgang im Riff mache ich aber trotzdem nicht mehr mit.

Nicht nur Walhaie
Dann macht uns die Crew auf einen Tigerhai aufmerksam, der am Schiff vorbei schwimmt. Auch einen Mantarochen und eine Schildkröte können wir beobachten. Das Riff ist voller Leben! Wir sind total begeistert.

Zurück im Bus bekommen wir von der Crew noch ein Abschiedsgeschenk. Jeder bekommt eine Urkunde, die auszeichnet, dass wir mit den größten Fischen der Welt geschwommen sind. Mir schießen die Tränen in die Augen. Wir haben vielleicht keine eigenen Bilder und auch kein Video, aber die Erinnerung an dieses einzigartige Erlebnis wird für immer in unserem Herzen bleiben!
Toll geschrieben, tolle Fotos. Die Erinnerung bleibt immer………
LG Ruth
Hach… ich mag eure Seite. Danke für die tollen Berichte und Bilder. Viel Spaß weiterhin bei eurer Reise um die Welt, ich schau gern wieder vorbei. Lg Steffi von https://heygoodvibes.de/
Was für ein wahnsinns Erlebnis!! Das werdet ihr doch euren Lebtag nie vergessen! Welche ein Glück man dazu haben muss, brauche ich nicht zu beschreiben. Die Fotos sind gigantisch. Wir haben letztes Jahr in Sardinien eine Whale Watching Tour mitgemacht und Delfine hautnah erlebt und einen riesigen Buckelwal gesehen. Aber mit den Tieren zu schwimmen, so nah in Kontakt zu kommen ist nochmal etwas anderes. Glückwunsch, dass das geklappt hat! Und danke, dass ihr diese Erfahrung mit uns teilt.
Vielen lieben Dank 🙂 Wir sind auch sehr stolz und denken immer wieder gerne an dieses Erlebnis zurück. Schade nur, dass wir keine eigene Kamera dabei hatten und somit keine Videos haben. Aber irgendwann kommen wir sicherlich wieder zum Ningaloo Reef zurück, dann passiert uns das nicht nochmal 😀