Stockholm nach Schwedisch Lappland mit dem Nachtzug

Wer reist, wird zum Geschichtenerzähler – so sagt man jedenfalls. In meinem Fall trifft das aufgrund meines Blogs wohl ohnehin zu, aber dieses mal hatte ich andere Pläne. Die Reise nach Schwedisch Lappland mit dem Nachtzug sollte zur Entschleunigung dienen. Gemeinsam mit guten Freunden Zeit in einer einsamen Hütte verbringen, abseits der Zivilisation und des Massentourismus. Das Handy einfach mal auf Seite legen und die Reise eine Reise sein lassen. Doch wie immer kam alles anders. Eine unglaubliche Geschichte über eine Reise voller Überraschungen, Enttäuschungen und dem ganz großen Glück. Teil 1 der Schwedisch-Lappland Reihe.

„Wir haben überlegt, irgendwo in Schweden eine Hütte zu mieten. Einfach ein bisschen Zeit miteinander verbringen, in die Sauna gehen und Polarlichter gucken. Was sagst du?“, fragte mich Tobi, als er vom Joggen mit seinem Kumpel Tim zurückkam. Er hatte seine Frage kaum ausgesprochen, entfachte der Gedanke an den Schwedischen Winter sofort ein loderndes Feuer in mir. Ich konnte das Knistern des Kamins und die wohlige Wärme der kuscheligen Hütte schon förmlich spüren. Polarlichter, Schnee, und eine weitere Chance, endlich einen Elch zu sehen. Das letzte Semester war hart – die Prüfungen und gefühlte zwölftausend Gruppenarbeiten hatten ihr übriges getan, um mich mit einer völlig zermatschten Birne in die Semesterferien zu schicken, die ohnehin nur zwei Wochen lang sein würden. Danach würde ich mit frischer Motivation in meinem Praxissemester erwartet werden. Ich zögerte also nicht, und setzte sofort alles in Bewegung, um dieses Abenteuer Realität werden zu lassen.

Sonnenuntergang im Schnee auf Skier
Ein absoluter Traum

Der Plan

Wir wollten Schweden so Nachhaltig wie möglich bereisen, und so kamen wir relativ schnell auf den Nachtzug. Die Idee gefiel mir. In meinem Kopf hatte ich eine romantische Vorstellung davon, wie wir in einem gemütlichen Zugabteil liegend die schneebedeckte Landschaft Lapplands vom Fenster aus bewundern, uns mit Spielen bei Laune halten und Nachts über leuchtende Polarlichter staunen würden. Eine Hütte hatten wir auch gefunden. Zwar verfügte sie über keine Sauna, und auch kein fließendes Wasser, versprach dafür aber alles, was ein Low-Budget-Reisender mit Drang zum Chaos braucht, um im Kopf aufzuräumen: einen Kamin, ganz viele Wolldecken und eine völlig entlegene Position inmitten der Berge. Kurz bei Google gecheckt, Straßen Fehlanzeige. Dafür hat das kleine Bergdorf direkt hinter der Grenze zu Norwegen einen Bahnhof, an dem sogar unser Nachtzug halten sollte. Von dort aus waren es nur wenige Minuten mit Langlaufski zur Hütte. Perfekt!

Eine Hütte irgendwo im Nirgendwo, ohne Wasser, ohne Nachbarn. Hier sollten wir die nächsten Tage verbringen.
Eine Hütte irgendwo im Nirgendwo, ohne Wasser, ohne Nachbarn.

Vorbereitung und Fähre

Auch die Vorbereitung lief entspannt ab. Die Jungs kümmerten sich um die Route, und zwei Tage vor Abfahrt kauften wir gemeinsam alle nötigen Lebensmittel ein. Ganz untypisch für mich hatten wir neben der Unterkunft auch schon alle Tickets gebucht. Bei insgesamt 36 Stunden Anreise würden wir vier mal Umsteigen müssen. Spätestens da hätten bei mir schon alle Alarmglocken klingeln sollen. Wer meine chaotischen Reisen aus der Vergangenheit kennt, der weiß sofort warum. Es liegt mir einfach nicht Dinge schon im voraus komplett durchzuplanen. Daran wollte ich aber erstmal nicht denken. Wird schon gut gehen, dachte ich. Und ehe ich mich versah saß ich mit den Jungs in einem vollbepackten Auto in Richtung Fähre, die uns über Nacht nach Trelleborg in Schweden bringen sollte. Ganz klar, als Low-Budget-Reisende hatten wir natürlich keine Kabine für die Fährüberfahrt gebucht. Es sollte ohnehin nur knapp 6 Stunden dauern, und die Kabinen mussten bereits eine Stunde vor Ankunft verlassen werden. Das Geld hatten wir uns also gespart, und so machten wir es uns in einer Ecke (mehr oder weniger) gemütlich, um wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu bekommen.

Tim beim Warten auf die Fähre
Tobis Kommolitone Tim beim Warten auf die Fähre
Jess in der Wartehalle in Rostock am Hafen
Warten auf die Fähre
Die Fähre von Innen. Sehr ungemütlich ohne Kabine.
Die Fähre von innen. Eher ungemütlich ohne Kabine.

Trelleborg – Malmö – Stockholm

Von Trelleborg ging es dann am frühen morgen mit der Bahn weiter nach Malmö. Die unbequeme Nacht auf der Fähre hatte ihre Spuren hinterlassen. So sehr, dass ich am Bahnhof in Malmö auf einem Restauranthocker einschlief, sitzend, und mit der Stirn auf dem Tisch. Meine Arme ließ ich einfach herunterhängen. Das bewegte die Polizei bei ihrer Kontrolle durch den Bahnhof wohl dazu, mich und vor allem die Jungs ins Visier zu nehmen, weil sie dachten, ich sei hochgradig betrunken und nicht mehr Herr meiner Dinge. Sie ließen erst locker, als ich aufwachte und eigenständig versicherte, dass die Jungs mir nichts böses wollten und ich einfach nur unfassbar müde war. Im Nachhinein eine super Geste der Polizisten, hätte die Situation in manchen Fällen ja durchaus auch ganz anders aussehen können.Anschließend ging es für uns weitere vier Stunden mit dem Zug in Richtung Nord-Westen. Zwischenziel: Stockholm. Ich würde hier jetzt gerne etwas Spannenderes schreiben, aber die Fahrt war ziemlich unspektakulär. Die meiste Zeit verbrachten wir mit schlafen, oder wir schauten aus dem Fenster dabei zu, wie sich mit jedem Kilometer mehr und mehr Schnee über die wunderschöne Landschaft Schwedens legte.

Ausblick aus dem Zugfenster. Es liegt Schnee
Eine Zugfahrt durch die schneebedeckte Landschaft Schwedens

Stockholm – die pulsierende Stadt

Es blieben uns sechs Stunden Aufenthalt in Stockholm, bevor es weiter mit dem Nachtzug nach Schwedisch Lappland gehen sollte. Das Feeling in der Stadt glich einem Hollywoodfilm in der Vorweihnachtsweihnachtszeit. Leichter Puderzucker-Schnee bedeckte die Straßen und kleinen Gassen, die mit süßen kleinen Cafés und urigen Restaurants zum Träumen und Schlendern einluden. Stockholm ist eine Stadt im Wandel, und das im wahrsten Sinne des Wortes – denn an nahezu jeder Ecke außerhalb der Altstadt fanden wir riesige Baustellen vor. Das Wort „pulsierend“ würde es in diesem Fall auch ganz gut beschreiben.

Ausblick über das zugefrorene Wasser auf Stockholm
Ausblick auf Stockholm
Schwedische Zimtschnecken dürfen in Stockholm nicht fehlen
Typisch für Schweden: Zimtschnecken

Keine Reise ohne Pannen

„Fährt der Zug denn pünktlich?“, fragte ich auf dem Weg zum Bahnhof in die Runde. Ich war zugegebenermaßen schon recht erstaunt darüber, dass bis dato alles so reibungslos funktioniert hatte. Nur noch in den nächsten Zug steigen, und dieser würde uns über Nacht direkt bis nach Bjornfjell bringen, nur wenige hundert Meter von unserer Hütte entfernt. Tobi warf einen Blick auf sein Handy.
„Ja, der fährt… oh.“
Mein Herz machte einen Aussetzer.
„Oh?“
Er zeigte uns seinen Display, auf dem die Bahngesellschaft erklärte, dass im Norden ein heftiger Schneesturm erwartet werdet wurde und der Zug deswegen schon gute 200 Kilometer vorher stoppen würde. Endstation Bodon, in the middle of nowhere. 20 Minuten bis Abfahrt, und es gab keinen Bahnschalter oder Ähnliches. In Schweden wird mittlerweile alles Digital gelöst. Der Zug stand abfahrtbereit im Gleis. So blieb auch uns nichts anderes übrig, als die arme Schaffnerin ins Visier zu nehmen, die verzweifelt versuchte, den Fahrgästen die Situation zu erklären, obwohl sie selbst noch gar keine Info hatte. „Wenn ihr fahrt, dann fahrt ihr in eigenem Risiko.“ Wow. Das war natürlich genau das, was ich hören wollte.

Kurzer Blick aufs Smartphone. Der Nachtzug nach Schwedisch Lappland soll nur bis Bodon fahren. Ein Schock für uns.
Ein kurzer Blick aufs Smartphone

Mit dem Nachtzug nach Schwedisch Lappland

„Sagmal, ist das Greta?“ fragte Tobi verdutzt, während ich weiterhin versuchte, den Worten der Schaffnerin zu folgen. Ich hörte seine Frage auf halben Ohr, wunderte mich, wen er mit Greta meinte, und tat es mit einer Handbewegung ab. „Quatsch, da ist keine Greta.“
Ich hatte nicht mal hingeguckt.
„Doch, ganz sicher. Die ist gerade in unser Zugabteil gestiegen“, bestätigte Tobi seine eigene Frage, dann stieg in den Zug. Ich gab es auf, wandte mich von der Schaffnerin ab und folgte ihm ins Zugabteil. Gleich im ersten Schlafabteil fiel meine Aufmerksamkeit auf ein altes, aber auffälliges Holzschild auf der Sitzbank. Dann traf es mich wie ein Blitz. Die meint er also. Mein Blick scannte das Abteil und tatsächlich war es niemand geringeres als Greta Thunberg, die mir in die Augen schaute. Es war ein unglaublich peinlicher Moment. Für ein paar Sekunden stand ich einfach nur da, starrte sie an, und brachte letztendlich nichts weiteres als ein „Krass“ heraus. Dann drehte ich mich um und verließ peinlich berührt ihr Schlafabteil.Mit ihr fuhren etwa 50 weitere Fridays-for-Future Anhänger nach Schwedisch Lappland mit dem Nachtzug, und wir mitten drin. Dementsprechend herrschte ein buntes Treiben auf dem Flur. Wir kamen uns vor wie auf einer Klassenfahrt. Das Schlafabteil war sehr klein, aber dennoch irgendwie gemütlich. Es umfasste insgesamt 6 Betten, die übereinander an den Wänden befestigt waren. Eins der unteren war bereits belegt, und wir entschieden uns, auf die oberen Betten zu klettern, damit die nachfolgenden Gäste, die später zustiegen, es nicht ganz so schwer haben würden. Ich kann nur eins sagen: Gott sei dank haben wir das getan! Denn etwa zwei Stunden später stieg ein wirklich sehr altes Rentner-Ehepaar ein. Ich konnte dem alten Mann kaum dabei zusehen, wie er sich in sein Bett auf etwa 2m Höhe kämpfte. Er tat mir einfach unfassbar leid. Ich war unglaublich müde, aber an guten Schlaf war aufgrund der Lautstärke in dem Schlafwagen und der Nervosität nicht wirklich zu denken.

Die Jungs beim Würfel-Spielen im Nachtzug nach Schwedisch Lappland
Beschäftigung im Nachtzug
Im Nachtzug nach Schwedisch Lappland

Gegen 5:30 Uhr rollte der Nachtzug in den Bahnhof von Bodon ein. Da waren wir nun, gestrandet mit Greta Thunberg an einem Bahnhof irgendwo in Schwedisch Lappland. Irgendwie surreal. Kurze Zeit später dümpelte ein anderer Zug mit normalen Sitzen ins Gleis, der uns bis nach Kiruna brachte. Einer schwer verständlichen Durchsage zufolge sollten wir dort ein Hotelzimmer bekommen. In Kiruna wollte davon aber plötzlich niemand mehr etwas wissen. Alle anderen Gäste schienen einen genauen Plan zu haben, was sie tun mussten, denn die fielen alle auf die wartenden Busse ein, wie eine Horde Möwen, der man Brotkrümel hingeworfen hatte. Wir kamen uns unheimlich verloren vor. „Hotel? Nehmen sie den nächsten Bus in die Stadt“, sagte man uns schließlich, und es dauerte keine zwei Minuten, da rollte ein leerer Linienbus vor, in den niemand außer uns einstieg. Immer wieder schüttelte ich den Kopf. Das konnte nur falsch sein. Der angekündigte Schneesturm war bereits in vollem Gange, die Schneemassen türmten sich meterhoch am Straßenrand. Ich fand es dennoch faszinierend, mit welcher Selbstverständlichkeit der Verkehr in Schweden weiterlief, als wäre nichts gewesen.

Angekommen mit dem Nachtzug in Schwedisch Lappland. Die höhe des Schnees ist klar zu erkennen
Kein schönes Bild, aber es zeigt die Schneemenge (ein Blick auf die Rutsche links genügt)

Ende gut, alles gut. Oder doch nicht?

Plötzlich fanden wir uns vor einem schicken 4-Sterne Hotel wieder. Mit der Erwartung, in jedem Moment mit spöttischen Blicken geradewegs wieder aus dem Fojer geschmissen zu werden, traten wir verlegen an die Rezeption und versuchten, die Situation zu erklären.
„Ja, die Zuggesellschaft hat 2 Zimmer für Sie reserviert“, bestätigte die Dame am Thresen diese kuriose Situation. Ich stutzte.
„Ach quatsch, echt jetzt?“
„Zwei Doppelzimmer, sie können gleich einziehen.“
Das klang wie Musik in meinen Ohren. Ein Zimmer mit richtigem Bett und Dusche konnten wir nach den letzten Stunden richtig gut gebrauchen. „Jetzt kann es nur noch besser werden“, dachte ich. Nichtsahnend, dass wir noch lange nicht angekommen waren.

Du möchtest wissen wie es weiter ging? Hier gelangst du zur Fortsetzung 🙂

3 comments

  1. Bevor ich mich zu Teil zwei durchklicke, sage ich hier kurz schon mal Danke für die Geschichte. Die Schweden halt… 😀

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